Ein simpler Eingriff
Roman

Meret ist Krankenschwester. Die Klinik ist ihr Zuhause, ihre Uniform trägt sie mit Stolz, schließlich kennt die Menschen in ihrem Leiden niemand so gut wie sie. Bis eines Tages ein neuartiger Eingriff entwickelt wird, der vor allem Frauen von psychischen Leiden befreien soll. Die Nachwirkungen des Eingriffs können schmerzhaft sein, aber danach fängt die Heilung an. Daran hält Meret fest, auch wenn ihr langsam erste Zweifel kommen.
Ein simpler Eingriff ist nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die in einer Welt starrer Hierarchien und entmenschlichter Patientinnen ihren Glauben an die Macht der Medizin verliert. Es ist auch die intensive Heraufbeschwörung einer Liebe mit ganz eigenen Gesetzen. Denn Meret verliebt sich in eine andere Krankenschwester. Und überschreitet damit eine unsichtbare Grenze.

(Hanser Berlin)

Die Sprengkraft der Schwesternschaft

di Marina Galli
Inserito il 04.04.2022

Ein simpler Eingriff, der Frauen von Wut und Aggressionen befreien und ihnen so die «Teilhabe» an der Gesellschaft wieder ermöglichen soll. Meret, eine Schwester, die dem Arzt aus Überzeugung bei diesen Eingriffen assistiert, bis eine Reihe an Begegnungen ihre Gewissheit und ihr Glaube an den medizinischen Fortschritt ins Wanken bringen. In ihrem dritten Roman geht Yael Inokai von einem realen historischen Stoff aus – die in den 1960er-1970er Jahren in vielen Industriestaaten durchgeführten Lobotomien, die grösstenteils dramatische Folgen nach sich zogen –, um die Gesellschaft mit ihren starren, hierarchischen Geschlechternormen zu hinterfragen. Und eine berührende Liebesgeschichte zu erzählen.

Die Zeit, in der der Roman spielt, wird nicht näher beschrieben, die Handlung ist aber in einer dystopisch anmutenden Vergangenheit zu verorten: Das Dekor bleibt bescheiden und aufs Nötigste reduziert und verleiht dem Buch so etwas Zeitloses: Zum Essen gibt’s Äpfel, Brot und Kaffee, Merets Garderobe besteht aus ihren Arbeitsuniformen und dem Sonntagskleid für den Familienbesuch an freien Tagen, das einzige Vergnügen (oder ist es eine Pflicht?), das sie sich zu erlauben scheint. Die Welt hingegen, in die Meret hineingeboren wird, verfügt über eine klare Ordnung: Auf der einen Seite die Frauen, die entweder Schwestern (im pflegerischen und familiären Sinn), Töchter oder Mütter sind, und auf der anderen Seite die Männer bzw. Ärzte und Väter. Die Erwartungen an die Geschlechter könnten nicht unterschiedlicher sein: Die Frauen haben sich unterzuordnen, zu beherrschen und zu kümmern, die Männer bestimmen, üben Macht aus. Die Hauptfigur Meret hat diese Normen dabei perfekt internalisiert: Als Tochter eines cholerischen, autoritären Vaters hat sie schon als Kind gelernt, ihr Verhalten so anzupassen, dass Konflikte vermieden werden, denn – auch das wurde ihr beigebracht – jedes Aufbegehren zieht eine selbstverschuldete und verdiente Strafe nach sich. Fest davon überzeugt, dass das Glück sich einzig über die von der Gesellschaft vorgesehenen Lebensentwürfe erreichen lässt, hat Meret den Anspruch, diesen Erwartungen möglichst gerecht zu werden.

Und so erscheint ihre Berufswahl auch nicht weiter verwunderlich, vereint die Tätigkeit als Schwester doch alles, was man von Frauen erwartet: Unterordnung, Sorgfalt und Mitgefühl, was auch dem Arzt, der diese neuartigen Eingriffe durchführt, nicht entgangen ist: «Sie sind gründlich. Halten sich an Abläufe. Handeln schnell und besonnen, wenn es erfordert ist. Sie lieben die Medizin und glauben an Fortschritt.» Dient die Gleichsetzung der in dieser Tätigkeit geforderten professionellen Kompetenzen mit den als «angeboren» betrachteten weiblichen Fähigkeiten gemeinhin dazu, diesen und andere typische «Frauenberufe» abzuwerten, ist es gleichzeitig von Bedeutung, dass Meret genau wegen ihrer soft skills vom Arzt angeheuert wird. Diesem ist offensichtlich die zentrale Rolle dieser unterschätzten Kompetenzen und «unsichtbaren» Arbeit für das Gelingen der Eingriffe bewusst. Und so will der Arzt mehr von Meret über diese «Feinheiten» erfahren, die ihm so fremd erscheinen:

Wenn wir in seinem Büro saßen, fing er unser Gespräch fast immer mit einer Beobachtung an: »Ich habe gesehen, dass Sie sich nach Schichtende noch Zeit genommen haben, um für die Patientin einen Brief zu schreiben. Sie haben ihn zwar geschrieben, aber die Patientin musste ihn diktieren. Darauf haben Sie bestanden. Dabei wäre es Ihnen wahrscheinlich leichtgefallen, diesen Brief selbst zu formulieren.« Er sagte: »Sie merken sich Details. Eine Vorliebe für Milch im Tee. Eine Begeisterung für das Kino.« Seinen Beobachtungen folgte die immer gleiche Frage. »Wozu? Versuchen Sie mir das mal ganz grundlegend zu erklären. So, als hätte ich von gar nichts eine Ahnung.«

Es geht ihm also nicht um ein vertieftes Verständnis der Empathie, sondern um deren Objektivierung: Es wird deutlich, dass der Arzt diese als blosses Mittel zum Zweck sieht, als Instrument, das er für das Erreichen seiner Ziele nutzen kann. Eine simple Lösung für komplexe psychische Probleme: Die Absurdität dieses Ansatzes tritt deutlich hervor, und damit verbunden Yael Inokais Kritik der Medizin und hierarchischer Organisationen im Allgemeinen, die losgelöst von allem Menschlichen agieren.

Denn das Motiv des ‘simplen Eingriffs’ lässt auch andere Lesarten zu. Ausgehend dessen wird zum Beispiel aufgezeigt, wie unterschiedlich der gesellschaftliche Umgang mit den Geschlechtern bezüglich ihrer Emotionen ist: Während Männer ihren Gefühlen freien Lauf lassen und niemand von ihren (unartikulierten) Wutausbrüchen – von den cholerischen Ausbrüchen des Vaters bis hin zum Jähzorn der Chirurgen – verschont bleibt, wird impulsives Verhalten bei Frauen nicht geduldet und ihre Emotionalität als «Anomalie» und Krankheit gesehen, die unterbunden oder wegoperiert werden muss. Diese unterschiedlichen Erwartungen verlangen den Frauen einerseits eine konstante Antizipation des männlichen Verhaltens, und andererseits eine ständige Selbstkontrolle ab. Dieses ständige Unterdrücken von Gefühlen hinterlässt bei Meret Spuren, was Inokai über eine Sprache, die immer wieder in einen heftigen Ton umschlägt, eindrücklich darzustellen vermag:

Meine Schwester weinte. Sie schämte sich nie für ihre Tränen. Mich machte das wütend. Mit Schleifpapier wollte ich ihr die Tränen von den Wangen wischen. Andere Male nahm ich sie in den Arm und hielt sie. »Weine nur«, sagte ich dann, und sie tat es hemmungslos, es schüttelte sie, sie gab Laute von sich wie ein verletztes Tier.

Die kraftvollen und poetischen Bilder, die so heraufbeschwört werden, machen deutlich, dass der Preis, den Meret für ihre Selbstbeherrschung bezahlt, hoch ist. Inokai gelingt es wie in der obigen Szene auf subtile Weise zu vermitteln, wie der auf Meret lastende Druck zu einer inneren Zerrissenheit und schwelenden Frustration führt: Meret muss sich immer wieder vergleichen, um sich ihrer eigenen Selbstkontrolle und Überlegenheit zu vergewissern: «Ich war nicht meine Schwester. Ich saß nicht vor anderen und weinte meine Tränen, schamlos, als wäre ich stolz auf meinen Schmerz.»; «Ich wäre nie so ins Bett gegangen. In meinen Straßenkleidern, mit dem Schmutz des Tages überall an mir dran. Ich hätte sie schütteln wollen, aber ich sah sie nur an.»

So wird über Auslassungen und Unausgesprochenes deutlich gemacht, wie sich die Frage nach dem Wozu dieser Genügsamkeit und Selbstaufopferung immer weiter aufdrängt. Ein Name sticht dabei besonders hervor: Sarah, der Name ihrer Zimmernachbarin, die in ihren Strassenkleidern schläft, ihre Schuhe und ihre Kippen verstreut über den Boden liegenlässt. Durch Sarah eröffnet sich Meret zum ersten Mal die Möglichkeit eines anderen Lebens, in dem es Raum für Liebe, Zärtlichkeit und Sinneswahrnehmungen aller Art gibt. Eine Welt, von der sie sich mitreissen lassen kann:

Ihre Berührungen waren noch überall. Das Gefühl, nur Körper zu sein, der greifen und spüren will, das hatte sie in mir zurückgelassen.
Ich zog ihre Kleider aus dem Schrank und vergrub meine Nase darin. Ich roch ihren Schweiß. Ich konnte nicht genug davon bekommen.
Ich wollte, dass sie wiederkam, dass ihre Unordnung zurückkehrte.

Die zahlreichen Wortwiederholungen, die Inokai in aufeinanderfolgenden Sätzen in den Text einbaut, sind ein gelungenes Stilmittel, um Merets Auseinandersetzung mit ihrer eigenen schleichenden Verwandlung zu bedeuten: «Sie war mir zu nah. Ich wollte ihr zur Hand gehen, aber sie war mir zu nah. […] Sie ging aus dem Zimmer, und ich blieb stehen, blieb einfach stehen, wo ich war, wie eine Salzsäule.»; «Ich würde mich danach beeilen müssen, aber ich wollte sie anschauen. Ihr einen Moment lang beim Atmen zuschauen.» So als hätte Meret Mühe zu glauben, dass das Erlebte auch wirklich geschehen sei, als müsste sie sich dessen durch die Wortwiederholungen bewusst werden.

Spätestens, als der Eingriff an Marianne, einer jungen, aufgeweckten Frau, schief geht und diese ihrer ganzen Lebenskraft beraubt im Bett liegt, und auch keine experimentelle Medikamententherapie sie mehr aus dieser Versteinerung herauszuholen vermag, beginnt der ohnehin schon brüchige Glauben Merets an ihre Arbeit zu bröckeln, und mit ihm alle Gewissheiten, an die sie sich bis dahin in ihrem Leben geklammert hatte. Gewiss, der Preis, den zum Beispiel ihre unzähmbare kleine Schwester – als «Wildfang» hatte sie der Arzt einmal bezeichnet – für ihre Selbstbestimmtheit bezahlt, ist hoch: gesellschaftliche Ausgrenzung, manchmal sogar Verachtung. Doch was, wenn der Preis, den sie bezahlt, den Marianne bezahlt hat, noch höher ist?

Yael Inokais Roman liest sich als Aufforderung, sich vom Druck der gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien, denn das Glück, soviel steht fest, liegt nicht in der Erfüllung vorherrschender Geschlechternormen. Und Schwesternschaft, im weiten Sinne des Wortes, birgt die Sprengkraft, daraus auszubrechen, manchmal mit Wut als treibendem Motor, und manchmal mit Liebe.