Tiefes, dunkles Blau
Ein Zürich-Krimi

Kurz nachdem Seepolizistin Rosa Zambrano in einer Kinderwunschpraxis am Zürichsee Eizellen einfrieren lässt, wird ihr Arzt tot aufgefunden. Wem stand Dr. Jansen, der nebenbei ein erfolgreicher Biotech-Unternehmer war, im Weg? Erste Spuren führen in eine Villa an der Goldküste, in die alternative Szene, in Genforschungslabore und ins Rotlichtmilieu – und zu vier Frauen, die sich jede auf ihre Weise nicht mit dem abfinden wollen, was Biologie oder Schicksal vorgeben.

(Diogenes Verlag)

Ein verkappter Gourmetführer

di Beat Mazenauer
Inserito il 08.04.2022

Seraina Kobler: Tiefes, dunkles Blau

So wie das Valle di Muggio ein wildes Tal und das Entlebuch eine sympathische Region ist, ist Zürich selbstredend eine der schönsten Städte. In ihrem ersten Zürich-Krimi, Tiefes, dunkles Blau, singt Seraina Kobler ein Hohelied auf die Stadt an See und Limmat. Ihre Fahnderin, die Seepolizistin Rosa Zambrano kennt ihre schönsten Ecken, wohnt sie doch selbst mitten im Niederdorf in einem kleinen Haus mit Garten. Und ihr Arbeitsort in Wollishofen am See steht dem kaum nach. Es scheint also alles bestens bestellt, wäre da nicht Rosas bisher unerfüllter Kinderwunsch. Immerhin ist sie schon 38. Für alle Fälle sucht sie Hilfe bei einem Arzt, der auf das Einfrieren von Eizellen spezialisiert ist. Doch dann kommt es, wie es muss: Ausgerechnet dieser Arzt wird leblos aus dem See gezogen – ein Fall also für seine Patientin Rosa Zambrano.

Auch Seraina Kobler setzt auf kurze Fahndungswege, indem sie den Mord ins persönliche Umfeld der Fahnderin verlegt und so das Private mit dem Beruflichen verbindet. Allerdings zieht das Thema weitere Kreise, geht es doch um eine technologische Innovation: um die Genschere CRISPR und um dunkle Machenschaften im Kreis der Start-up-Szene. Geld, Leidenschaft und Eitelkeit spielen da selbstredend mit. Seraina Kobler hat intensiv recherchiert, sie kann das komplexe Thema gut verständlich machen. Das ist eine der Stärken ihres Buches.

Der Mord in der gehobenen Gesellschaft, mit Callgirls und Yachten als Staffage, rückt allerdings in den Hintergrund. Elemente wie der Beziehungsstatus – Rosas Kompagnon Martin Weiß: «Stahlblaue Augen blitzten unter gewelltem Haar» – und weit ausgeprägter das Essen drängen sich vor. Niemand trinkt hier Tee, sondern nur Sencha und Matcha. Alles ist akkurat eingerichtet, das Küchenmesser stammt aus einer japanischen Manufaktur. Zürich at its best, eine reiche Lifestylestadt zwischen Molekularküche und Kryokonservierung. Mit Bezug auf den Krimi-Plot wirkt das mit der Zeit allerdings aufgesetzt, ebenso wie der Erklärungseifer, mit dem die Autorin die schönsten Ecken der Stadt wie aus dem Fremdenführer beschreibt. Nichts, was hier nicht Spitze wäre, weder das «weltweit grösste Anbaugebiet für Räuschling» noch die einst grösste Molkerei in ganz Europa.

Wie schon bei Thalmann und Hughes droht der eigentliche Plot in der Fülle von begleitenden Informationen zu verschwinden, während an diesem Plot selbst manches bis zum Schluss rätselhaft, schlecht ausgeleuchtet bleibt. Dies auch, weil die Figuren kaum richtig Kontur erhalten, Rosa ausgenommen. Die Leserschaft rätselt nicht mit, sie erhält eher Gang um Gang ein Fertigmenü vorgelegt, das sich um Stimmung, Spannung, Speed bemüht, ohne die nötige detektivische Sorgfalt in der Formulierung. Am Ende aber, und das wäre die Botschaft, kann eine Unwägbarkeit wie der Mord an einem Goldküsten-Chirurgen der Schönheit des Lebens in Zürich nichts anhaben.

Beobachtung 3: Der Krimi wird zu einem Trägermedium für marginale Aspekte, ganz so wie das Fischstäbchen für die Mayonnaise, um beim Essen zu bleiben. Seraina Kobler steigert die Kulinarik, die schon bei Thalmann und Hughes angelegt ist, noch einmal um allerlei Köstlichkeiten. Die Qualität der beschriebenen Speisen macht ihr so leicht niemand nach. Nur zu gerne wird der Regionalkrimi zum verkappten Gourmetführer durch die regionale Küche und ihre Spezialitäten.

Aus: Ein Kriminalroman ist, wo gut und gerne gegessen wird. Vier aktuelle Bücher von Sandra Hughes, Ulrich Thalmann, Seraina Kobler und Peter Weingartner. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 07.11.2022.