in wellen dunkler zuversicht
Ihren zehnten Lyrikband widmet Joanna Lisiak ihrem verstorbenen Lebenspartner. Trauer ist hier daher nicht nur Thema, sondern recht eigentlich der Boden, aus dem die Gedichte gewachsen sind, die Substanz, die sie nährt. Es geht um «degustationen des weinens», um «den gefrässigen briefkasten, (dem es) trauerkarten angetan» haben, um das Umfeld, «das (mich) begutnachtet / veremojisiert / bekochtindeneigenenvierwänden». Auf sich selbst zurückgeworfen, gibt sich die Autorin einem Prozess hin, der sie durch verschiedene Stadien des Schmerzes, der Erinnerung und der Ablösung führt, der Zeile für Zeile Wunden aufreisst – und gleichzeitig heilt –, der sie mit Unabgeschlossenen, mit Sinnfragen und mit der eigenen Situation als sogenannt Hinterbliebene konfrontiert. Dies aber durchaus mit ironischem Touch: Ihr Heim sei «kanzlei für lethargie / selbstauskunftsbüro / rückzugsort des stillstands / behörde zur erforschung von wehmut».
Trotz des herben Hintergrunds handelt es sich eben nicht um ein düsteres Buch: Als «Spielräume des Staunens» wurde Joanna Lisiaks oft leichtfüssige Lyrik schon beschrieben, und so facettenreich präsentieren sich auch die vorliegenden Gedichte: Expressive Bilder der Schwermut kontrastieren mit sarkastischen Bemerkungen und einem Pinselstrich Hoffnung. Zarte Naturbeschreibungen wechseln sich ab mit Schilderungen von Sinnesreizen, Skurriles mit Nachdenklichem. in wellen dunkler zuversicht ist eine poetische Annäherung an das Unfassbare.
Recensione
Wo Angelika Overath Lücken zwischen den Sprachen öffnet und bei Simone Lappert und Eva Seck das Sprechen stumm in Falten und Abgründe fällt, suchen Joanna Lisiaks Gedichte einen anderen Weg: Sie sammeln und akkumulieren Eindrücke, Empfindungen, Erinnerungssplitter, damit der Autorin nichts verloren geht, was sie mit ihrem verstorbenen Lebenspartner verbindet. Sie betreibt gewissermassen eine lyrische Inventur, vervollständigt nochmals Bilder von einst und sucht in diesem «auffangbecken hinkender gefühle» Antwort «auf diffuse gedanken». Nichts erscheint bedeutungslos, um nicht nochmals festgehalten zu werden. Dafür forscht sie auch im «zwischen dazwischen» nach, um ihr «archiv der erinnerungen» zu vervollständigen. Reihungen, Aufzählungen, eine «to-do-liste» halten fest, was mangelt, nicht mehr ist.
Formal fügen sich all diese Dinge in kurzzeiligen, unregelmässig unterteilten Gedichten zusammen, die über die Zeilen hinweg laufen und so ein prosaisch-lyrisches Parlando bilden. Die Autorin vertraut dabei weniger dem alleinigen Zauberwort als dass sie ihre Suchbewegung in Dreiheiten von Begriffen («ausnahmen, zustände, glückliche fügungen») still stellt. Dabei verändert sich auch die Wahrnehmung: «ich achte auf neue details». Das Ich liest alte Quittungen und ist erstaunt über ihre stimulierende Kraft:
raffiniert wie man datum
plus ort plus die zwei
espressi uns zuordnen kann
an einen tag x der von wetter y
bestimmt war man könnte
prüfen ob die sonne schien
sich erinnern ob wir wohl
draussen sassen
Joanna Lisiak findet in ihren Gedichten eine Mischung aus Trauer und leichter Zuversicht, als ob all das Festhalten selbst so etwa wie Remedur wäre. Vor allem im Kapitel «kosenamen irrlichtern» versammelt sie treffende Bilder für die bewahrten Erinnerungen an das fehlende Du.
in wellen dunkler zuversicht ist eine ausgesprochen umfangreiche Sammlung mit über 100 Gedichten. Das mitunter atemlose Akkumulieren äussert sich hier in der Opulenz. Damit verbindet sich allerdings auch die Anfälligkeit dafür, dass innerhalb dieses «flow», dieser Fülle das genaue Bild, die einzigartige Erinnerung zu verschwinden droht – ein gegenteiliger Effekt zum Verschwinden in den Faltungen bei Overath, Lappert und Seck. Eine gewisse Gleichförmigkeit ist der Preis dafür. Indem Joanna Lisiak alles festhält, was sie sucht und erinnert, mangelt es ihrem umfangreichen Band zuweilen an Zäsuren, an Spitzen und Kanten, die bei der Lektüre unwillkürlich zum Innehalten auffordern und so die Lektüre selbst vertiefen.
Aus: Zwiesprache mit der Sprache. Vier neue Gedichtbände. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.7.2022