Waldinneres

Eine Flucht vor den Nazis und ein Geheimnis, das bis in die Gegenwart reicht.
Ein jüdischer Kunstsammler rettet sich mit Fluchthelfern vor den Nazis in die Schweiz, doch seine Spur verliert sich im Dickicht eines Waldes. Zurück bleibt nur sein Gehstock, darin eingerollt ein kleines Gemälde.
Siebzig Jahre später betritt Gottfried Messmer das Foyer einer Bank in Zürich. Im Schliessfach seines Vaters findet er einen echten Klimt. Wie kam sein Vater an dieses Bild? Und wo ist sein wahrer Besitzer? Gottfried muss sich einem Familiengeheimnis stellen, das weit in die Geschichte seines Landes zurückreicht.
Mónica Subietas‘ bewegender Roman Waldinneres erzählt von Liebe, Freundschaft und Verrat, von finsteren Zeiten und glücklichen Tagen.

(S. Fischer Verlag)

Man kennt sich

di Beat Mazenauer
Inserito il 27.07.2022

Unter dem Titel «Waldinneres» malte Gustav Klimt eine realistische Miniatur im Postkartenformat, mit der der spätere Jugendstil-Star früh seine malerische Meisterschaft bewies. Die Spur des Werks verlor sich in den späten 1930er-Jahren, als jüdische Sammler aus Deutschland und Österreich flüchten und alles zurücklassen mussten. Ihre Kunstschätze gelangten so über Raub und Enteignung zu Sammlern wie dem Wiener Arzt Rudolf Leopold oder dem Rüstungsindustriellen Emil Bührle, die von alledem nicht gewusst hatten (oder haben wollen).

Auch im Fall von Klimts «Waldinneres» führt die Spur schliesslich nach Zürich – zumindest im gleichnamigen Roman der in Zürich lebenden Spanierin Mónica Subietas. Sie greift das brisante Thema auf, um es mit kriminalistischen Motiven anzureichern. Das Unglück der Grossväter führt bei den Enkeln zu bösen Turbulenzen. Im Roman gehörte das Klimt-Bild einem Sammler und Textilfabrikanten namens Jakob Sandler. Dieser floh 1938 aus seinem Haus in Linz, nur mit dem nötigsten Gepäck, darunter das Klimt-Bild, das er eingerollt in einem Spazierstock verbarg, und mit dazu eine detaillierte Liste seiner hinterlassenen Kunstsammlung. Mehr als vier Jahre später gelang ihm mit Hilfe des Fluchthelfers Hermann Messmer der Übertritt über die Schweizer Grenze. Doch danach lief alles schief. Er brach sich das Bein, Messmer suchte Hilfe, nahm dafür den Stock mit und als er zurückkehrte, war Sandler verschwunden. Alle Spuren verloren sich im Nebel der Ereignisse. Doch Sandler überlebte, nahm einen anderen Namen an und hatte in späten Jahren noch einen Sohn. Auch Messmer und seine Frau Ada hatten einen späten Sohn, der seinen Vater schon mit sieben verlor, als sich dieser von Schwermut geplagt erhängte. Doch das Bild und den Spazierstock hatte er all die Jahre sorgsam gehütet und noch vor seinem Tod in einem Bankschliessfach hinterlegt.

Dies ist die eine Seite von Mónica Subietas Roman, der mit groben Strichen, aber anschaulich eine Ahnung davon vermittelt, wie Krieg und Flucht sowohl Jakob Sandler wie Hermann Messmer existentiell prägten. Denn zu den Opfern gehörte auch letzterer, der wegen seiner missratenen Fluchthilfe später keine richtige Stelle mehr finden sollte. Sein Sohn Gottfried behielt einen schwermütigen Vater in vager Erinnerung.

Mit Gottfried langen wir in der Gegenwart, genau genommen im Jahr 2010 an, in dem der Fall wieder ans Tageslicht kommt. Gottfried Messmer war lange auf Reisen im Ausland, seit einigen Jahren aber führt er in Zürich eine Szene- und Musikbar, das Kafi Glück. Eines Tages wird er von der Bank angerufen, weil er als Nachkomme eines gewissen Hermann Messmer ein nachrichtenloses Schliessfach öffnen kann: darin befindlich sind der Spazierstock und das Klimt-Bild. Damit beginnt eine zweite Geschichte, in der es einige Missverständnisse zu regeln gilt, was nicht ohne Konfusionen und Turbulenzen abgeht. Mónica Subietas hat ihrem historischen Fall einen modernen Krimi umgehängt, der dazu freilich nicht recht passen will. Die gegenwärtige Rahmenhandlung macht die historische Geschichte klein, weil es letztlich nur noch am Rand um ein altes Unrecht geht. Es soll hier nicht alles ausgeplaudert werden, nur soviel: Der Zufall lässt alle historischen Fäden samt und sonders an einem einzigen Ort bei ein paar Freunden zusammenlaufen. Das wirkt allzu sehr herbeiorchestriert und löst sich schliesslich mit einer melodramatischen Zuspitzung in Minne auf. Geht es um grosse gesellschaftliche und politische Fragen wie jüdische Identität und Raubkunst, oder handelt es sich schlicht um eine Geschichte menschlicher Unzulänglichkeit und Charakterschwäche? Auf Letzteres läuft es hinaus – und so ist es am Schluss ums vergebene Thema ebenso schade wie um den schönen Anfang, der literarisch auch einen anderen Verlauf hätte nehmen können. Mónica Subietas' Roman ist am Ende eine Beziehungsgeschichte mit ein paar Spannungselementen, die das Thema Raubkunst unter sich begräbt.