Leoparda
Roman

Kleo führt ein bürgerliches, angepasstes Leben – bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, an dem sie beschliesst, dass sich etwas ändern muss. Während Zürich in einem apokalyptischen Hitzesommer zu schmelzen scheint, verkriecht sie sich in ihrer Wohnung und verwandelt sich langsam in ihr verwildertes Alter Ego Leoparda. Aus einem Sonnenbrand entsteht ein fleckiges Hautmuster, ihre Zähne werden immer spitzer, bald huscht sie nur noch nachts nach draussen. Als Raubkatze sucht sie die Menschen aus ihrer Vergangenheit heim: Adriano vom Tinder-Date, ihre Ex-Psychologin und beste Freundin Feli, die sie ständig belehrt, ihre Schülerinnen und Schüler, deren Teilnahmslosigkeit sie ärgert, und auch ihre Eltern, deren blankpolierte Glücksfassade endlich Risse bekommt. Leoparda teilt ihre Abenteuer auf Social Media, wo sie zum Star wird, während die alte Kleo immer mehr verschwindet.
Anja Schmitters Debütroman ist ein furioser Seiltanz zwischen Imagination und Realität. In originellen Bildern und mit gesellschaftskritischem Blick erzählt sie vom Ausbrechen aus der Normalität, von Identitätssuche und Emanzipation.

(Lenos Verlag)

Aus den Fugen

di Beat Mazenauer
Inserito il 01.11.2022

Nach den Gesetzen der Thermodynamik erhöht die Zufuhr von Wärme die Dynamik in einem System. Was physikalisch klingt, hat mitunter auch gesellschaftliche Konsequenzen, insbesondere wenn das Klima verrückt spielt oder der psychische Alpdruck steigt.

Anders ist nicht zu erklären, weshalb in diesem ausserordentlichen Hitzejahr die 30-jährige Lehrerin Kleo in einen inneren Aufruhr gerät. Eben noch war alles heil und alles so super, wie die umsorgende Mutter nie zu beteuern vergisst. Ernst ist ein treuer Verehrer, die Familie ein Musterbeispiel an Zusammenhalt, Fabienne weit mehr als eine Therapeutin, und die Kinder – na ja, mit ihnen nimmt die Gesellschaft «ein schlimmes Ende», seit Kleo findet, dass sie wie stumme Fische dahocken, wenn sie mit ihnen über die Klimakatastrophe zu reden versucht. Doch dann springt die Amaryllis-Pflanze zum wiederholten Mal aus ihrem Topf, und Kleo macht ihrem treuen Verlobten Ernst unvermittelt den Vorschlag, es abwechslungshalber mit einer offenen Beziehung zu versuchen. Damit gerät die schöne Ordnung durcheinander. Ernst nimmt Kleos Vorschlag allzu ernst, was zum Bruch führt, wogegen ihre verzweifelte Tinder-Aktion enttäuschend endet. Aus Wut beginnt sie sich zu versteifen und nachts mit den Zähnen zu knirschen.

Anja Schmitter entwirft in ihrem Debütroman Leoparda eine Atmosphäre der unterschwelligen Beunruhigung. In der Hitze beginnt die Luft zu flirren und gaukelt falsche Dinge vor und das heisseste Jahr seit Messbeginn bringt Unrast in die Welt, auch bei Kleoparda Frei alias Kleo, der Tochter aus gutem Lehrerhaushalt. Nicht dass sie nach nächtlichen Alpträumen als Käfer wie Gregor Samsa aufwachen würde, ihre Metamorphose vollzieht sich unscheinbar. Durch das Zähneknirschen werden allmählich die Eckzähne geschärft, im Raubtierhaus des Zürcher Zoos saugt sie lustvoll den süsslich-scharfen Geruch ein, auch wenn die Tiere selbst in der Hitze gänzlich verwahrlost aussehen. Traum oder Wirklichkeit? Hitze oder Überreiztheit? Kleo merkt, dass sie sich freimachen muss, von den stets gutgelaunten Eltern, von ihrem Beruf; dass sie Ferien benötigt. Doch die Reise führt nicht in einem überfüllten stickigen Zug nach Kroatien. Kleo sperrt sich zuhause ein, versendet Strandgrüsse, eröffnet einen Instagram-Account und dokumentiert hier ihre innere wie äusserliche Verwilderung.

Anja Schmitter beschreibt diesen Prozess mit feiner Diskretion. Sorgfältig und sparsam setzt sie Signale einer Mutation, deren Ausmass erst nach und nach sichtbar wird. Begleitet wird sie von einem leitmotivischen Singsang des alles bleibt, wie es soll. Das mit Ernst wird schon wieder, heisst es immer wieder, und die Mutter beteuert bei jeder Gelegenheit: Du bist die Schönste, meine Kleine. Bloss Kleo glaubt nicht mehr daran. Indem sie sich verwandelt, verdüstert sich rings um sie herum der fröhlich optimistische Zeitgeist, die Szenerie wird in ein anderes Licht getaucht. Die Geier kreisen am Himmel, die Lochergut-Wohnsiedlung bewegt sich, die Amaryllis-Pflanze stürzt sich zu Tod, im Haus der Eltern hält das Unglück Einzug, die Strassen leeren sich in der Hitze und Kleo lässt sich von Tiger, dem Stylisten, das Haar im gescheckten Leoparden-Look färben. Ihre neue Fangemeinde auf Instagram ist begeistert. Doch wie das Smartphone aussteigt, entgleitet die Lage in einen Zustand der Unordnung, deren Ausmass schummrig, unscharf bleibt. Verschiebt sich das Gefüge der Welt, oder ist die Erzählerin allzu nahe an ihrer Figur dran und sieht die Umgebung zu sehr durch deren hitzige Erregtheit? Anja Schmitter lässt es wohlweislich offen. Sie bewegt sich mit ihrer Prosa auf einer oszillierenden Grenze hin und her, um vielleicht am Ende doch wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen.

Beat Mazenauer, «Aus den Fugen». Zwei Debütromane von Anja Schmitter und Noëlle Gogniat. Fokus vom 19.12.2022.