Kuno Raebers Beschwörungen
Ein Gedichtzyklus im Dialog

Seinen letzten Gedichtband Abgewandt Zugewandt von 1985 eröffnet der Luzerner Autor Kuno Raeber (1922–1992) mit einem fünfteiligen Zyklus mit dem vieldeutigen Titel «Beschwörung». Wolfram Malte Fues und Walter Morgenthaler tauschen sich zu Raebers hundertstem Geburtstag in einem offenen Disput über die Texte aus, die sich jeder einfachen Deutung verweigern, und über deren provokante Zusammenführung zu einem eigenständigen Zyklus. Das Buch präsentiert zugleich erstmals eine integrale Edition der nachgelassenen Manuskriptfassung, die fast 30 Gedichte beinhaltet. Zusätzlich ediert und konträr diskutiert wird ein nur in Raebers Notizbuch überlieferter zweiter Beschwörungs-Zyklus. In einer Beigabe berichtet Markus Hediger über seine denkwürdige Begegnung mit dem eigenwilligen Autor.

Die Sprachen der Lyrik

di Beat Mazenauer
Inserito il 30.06.2022

Der Zugang zu Gedichten muss nicht zwingend einfach sein, zeigt der Band von Vera Schindler-Wunderlich. Rätsel und Geheimnisse sind genuin lyrisch. Doch unbedingt notwendig ist dafür Empathie. Gedichte berühren und wecken so Vertrauen. Vorab hermetische Lyrik regt aber auch dazu an, die Lektüre analytisch zu vertiefen. Wie das geschehen kann, demonstrieren die beiden Literaturwissenschaftler Wolfram Malte Fues und Walter Morgenthaler anhand eines späten Gedichtzyklus von Kuno Raeber (1922-1992).

Raeber war, wie Morgenthaler schreibt, ein «Schwerarbeiter am Wort», für den Dichten naturgemäss ein Verdichten war, eine Suche nach dem Ort, so Raeber selbst, «wo der Geist die Welt versammelt und ordnet», damit sie in Harmonie und Schönheit erscheint. Und in aller Kürze: «Kunst ist Proportion, ist Rhythmus, ist Harmonie. Kunst ist Schönheit.» Dieser Wille zur perfekten Form verpflichtete vor allem ihn, den Dichter, selbst. Über viele Stufen hinweg variierte, verformte und reduzierte er die eigenen Gedichte. Ein solcher Zyklus findet sich unter der Überschrift «Beschwörung I-V» in seinem sechsten und letzten Gedichtband Abgewandt Zugewandt (1985). Fues und Morgenthaler nehmen ihn zum Anlass für ein Zwiegespräch, in dem sie ebenso akribisch wie programmatisch den fünf Variationen auf den Grund gehen und dabei die unzähligen Fassungen, die Raeber zusätzlich in den Notizbüchern festgehalten hat, miteinbeziehen. «Hin und wider» messen sie Zeile um Zeile syntaktisch, metaphorisch und metrisch aus, um synoptisch ihren Bedeutungen auf die Schliche zu kommen. Raebers Gedichte erweisen sich dabei so hartnäckig dunkel wie eigensinnig anregend. «Beschwörung I» endet mit den folgenden Zeilen:

Inwendige Wildnis für dich
und für mich inwendige Zuflucht
eine Kugel
für dich und für mich
wollten wir machen.

Die Verklammerung von Konträrem in der geschlossenen Form bringt Fues dazu, als Hypothese darin ein «in sich reflektierendes Ich, das Zwiedenken und Zwiesprache mit sich hält, Ego und Alter Ego» zu erkennen. Wobei der Schlusszeile «Wollten wir machen» eine schmerzliche Note innewohne, die metrisch durch einen zweihebigen «Adoneus» (– v v – v) festmachbar sei. Morgenthaler reagiert darauf mit Skepsis, indem er übers ganze Gedicht eine metrische Zersetzung erkennt, «die Trauer in Spott transformiert» und in der Kugel keine Totalität sieht.

Wer Recht hat, bleibe hier dahingestellt. In dem Experiment der keinesfalls einstimmigen Interpreten geht es vielmehr darum, einander herausfordernd hinter das «poetologische Selbstverständnis» des Dichters zu kommen. Fues und Morgenthaler demonstrieren, wie kreativ und spekulativ eine philologische Gedichtlektüre sein kann. Auch wenn es oft nicht leicht fällt, ihnen bei jeder Volte und jeder Raffinesse schlüssig zu folgen, zeugt ihre Analyse von einer grossen intellektuellen Lust, die obendrein ihrem Gegenstand argumentativ näher kommt und in Kuno Raeber einen bewundernswerten Dichter sieht. Lyriker wie er, folgert Fues, «kennen und nutzen die dichterische Begeisterung, die unwillkürliche Eingebung durchaus, aber sie beargwöhnen sie unausgesetzt, unterstellen ihr Unfertigkeit, Unzuverlässigkeit, Ungenauigkeit, Mangel an poetischem Urteil und sind ständig damit beschäftigt, diese Mängel zu beheben.» Das wird intensiv herausgearbeitet.

Walter Morgenthaler hat das lyrische Werk von Kuno Raeber übrigens in einer Datenbank aufgearbeitet, in der nebst den fünf publizierten Versionen von «Beschwörung» auch all die Varianten aus den Notizbüchern erfasst und nachlesbar sind.

Aus: Die Sprachen der Lyrik, ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 23. 01. 2023.