Bild ohne Mädchen
Roman

Die Eltern des Mädchens misstrauen dem Fernsehen, aber beim medienaffinen Nachbarn Ege darf es so lange schauen, wie es will. Eges Wohnung steht voller Geräte, und er dreht Videos, die nie jemand sehen will.
Die Eltern sind überfordert mit dem Kind, das sein Bett nässt und kaum spricht. Der Vater ist Biologe und wendet sich lieber bedrohten Tierarten zu. Die Mutter bildhauert und ist mit ihrer Kunst beschäftigt. Ein Heiler soll helfen. Das Mädchen sucht Zuflucht bei einem Engel, den es auf einer Videokassette von Ege entdeckt hat. Und wirklich, der Engel hält zu ihm. Durch dieses Kabinett der Hilf- und Sprachlosigkeit nähert sich Sarah Elena Müller dem Trauma einer Familie, die weder den Engel noch die Gefährdung zu sehen imstande ist. Und von der Grossmutter bis zum Kind entsteht ein Panorama weiblicher Biografien seit dem grossen Aufbruch der Sechzigerjahre.

(Limmat Verlag)

Bildbearbeitung

di Tamara Schuler
Inserito il 02.05.2023

Welche Bilder bleiben von Erlebtem, was passt ins Bild, wer fällt aus dem Rahmen? Sarah Elena Müller erzählt virtuos und feinfühlig von der Sprach- und Hilflosigkeit kleiner und grosser Menschen.

Ein Kind wächst auf anfangs der Neunziger Jahre, irgendwo in der ländlichen Schweiz, zwischen begradigten Flüssen, Kartoffelfeldern und Militärübungen. Für das Kind existiert die Trennung von Innen und Aussen noch nicht wirklich, die Übergänge zerfliessen: Die Kindheit ist ein überbordender Dschungel von Sinneseindrücken, Fragezeichen und Unsicherheiten. Die Eltern wissen nicht so recht, wie sie mit diesem Kind umgehen sollen, das wenig spricht und nachts ins Bett macht, ein sogenannter Heiler soll helfen, der Algentabletten verschreibt und eine Unterhose, die Alarm läutet, sobald sie nass wird. Währenddessen wächst das Kind weiter und versucht, seinen Platz zu finden in dieser undurchschaubaren Welt der Erwachsenen.

Der Blick der Großmutter schwenkt wieder vom Viereck des Fensters zum Kind. Da sitzt es auf dem Rollator. Auch dieses Kind wird in die Welt der Erwachsenen hineingeschoben, unaufhörlich weiter hinein.

Die Mutter zieht sich in ihr Atelier zurück mit Musik auf den Ohren, der Vater will bedrohte Tierarten im Flussbett retten. Bei den Nachbarn Gisela und Ege darf das Kind, was im eigenen Haushalt nicht erlaubt ist: Filme schauen, sich verlieren in den Bildern, hypnotisiert, entkörpert, betäubt. Während Ege über Medientheorien brütet und im Kopf sein Lebenswerk verfasst, zieht es Gisela in die Ferne. Die beiden leben neben- statt miteinander und kommen doch nicht voneinander los: «Wenn jede Reise zurück an die eigene Türschwelle führt, ist alle Flucht umsonst», denkt Gisela, als sie einmal mehr zurückkehrt in das gemeinsame Haus, diese «Vorhölle der Koexistenz». Auch die sporadischen Besuche von Eges Sohn, der bei seiner Mutter in Deutschland wohnt, vermögen die Situation nicht zu entspannen.

Im Verlauf des Romans wird die kindliche Protagonistin grösser, je nach Zeitpunkt und Kontext wird sie nun das Mädchen, die Tochter, die Enkelin und schliesslich die junge Frau genannt. Das Aufwachsen bleibt ein harter Kampf, doch zumindest hat das Mädchen die Unterstützung eines Engels. Diesen hat das Mädchen, damals noch Kind, auf einem von Eges selbstgedrehten Filmen gesehen, ganz kurz nur, er trug Eges Lederweste, hatte Flügel und einen Zweizack. Seither ist er an der Seite der Protagonistin, nur sie kann ihn sehen, wenngleich Ege ebenfalls von seiner Existenz zu wissen scheint. Erst nach und nach wird klar, dass dieser Engel kein Schutzengel ist, sondern ein Racheengel.

In der Schweiz erlebt rund jedes siebte Kind mindestens einmal in seinem Leben sexualisierte Gewalt. Wie kann es soweit kommen, ohne dass jemand etwas bemerkt? Was unglaublich erscheint, geschieht auch in Bild ohne Mädchen. Gekonnt zeigt Sarah Elena Müller auf, wie leicht ein Missbrauch geschehen kann. Die Erwachsenen gehen davon aus, dass sich das Kind schon meldet, wenn etwas ist, eine gut gemeinte Überschätzung, und übersehen dabei all die nonverbalen Alarmsignale, die das Kind vergeblich aussendet. «Man erzählt sich seine Geschichte, wie sie grad ins Bild passt», alles andere wird retuschiert. Und so schauen die Erwachsenen nur mit einem Auge hin und hoffen, dass alles einigermassen gut gehen wird im Leben dieses Kindes, denn was wäre die Alternative? Dem Kind ungeschönt die Welt erklären, wie soll das mit gutem Gewissen gehen? Erst recht, da die Erwachsenen auch bei sich selbst nicht richtig hinschauen können, sprachlos bleiben, gefangen in Rollen, Erwartungen und Enttäuschungen, die über die Generationen weitergegeben werden.

Das Zeitalter des Wassermanns hat blaue Dekokugeln und spießige Steingärten gebracht, gelungene und missratene Lebensläufe, aber noch immer keine Transzendenz, keine Horizonterweiterung.

Sarah Elena Müller setzt dieser allgegenwärtigen Sprachlosigkeit eine regelrechte Sprachgewalt entgegen: Eine bildhafte, im besten Sinne sperrige Sprache, die einen zwingt zu tun, was die Erwachsenen im Buch versäumen: aufzupassen, genau hinzusehen, mitzudenken, zu erahnen. Selten wurde der Zustand des Kind-Seins so ehrlich und einfühlsam dargestellt wie in diesem Roman. Ein beklemmendes und doch bereicherndes Leseerlebnis, das hoffentlich auch sensibilisiert.