Villa royale
Roman

Palma ist gerade mal elf, als ihr Vater unerwartet stirbt. Ebenso unangekündigt ist der plötzliche Umzug auf die Insel La Réunion, wo es sie mit ihrer Mutter und ihren Brüdern Charles und Victor hinverschlägt.
Was als Flucht vor der Trauer beginnt, wird zu einer jahrelangen Irrfahrt quer durch Frankreich. Während der hochbegabte Victor im Auto gegen sich selbst Schach spielt, Charles Gefallen an Glücksspielen und Autoknacken findet und sich die Mutter ihrer Melancholie hingibt, ist auch die sarkastische, leicht desillusionierte Palma auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Bis die Jugendlichen von Lanvin erfahren, dem der Vater Geld schuldete und der die Familie nun verklagt. Gemeinsam fassen sie einen Plan, ihn loszuwerden.
Spritzig, rasant und voller Leben – ein Roman wie ein Roadmovie. Temporeich und doch unendlich zärtlich erzählt Emmanuelle Fournier-Lorentz von einer turbulenten Familie, in der gestritten, gestichelt und geschwiegen wird – und in der aus Liebe füreinander alles möglich wird.

(Doerlemann)

Zusammenhalten oder auseinanderfallen

di Beat Mazenauer
Inserito il 14.02.2023

Die Familie hält zusammen, oder die Familie fällt auseinander. Die beiden Optionen bilden Gegensätze, aber manchmal durchdringen sie einander – wenn beispielsweise das väterliche Oberhaupt verloren geht, unter welchen Umständen auch immer. Dann verschiebt sich der familiäre Status oft ins Prekäre. Emmanuelle Fournier-Lorentz stellt in ihrem Roman Villa Royale eine solche Familie vor. Der Vater ist vor kurzem verstorben – durch Suizid, wie sich herausstellt und womöglich auch, um seinen Schuldnern zu entkommen. Seiner Frau und den drei Kindern zwischen acht und vierzehn fehlt er, sie ziehen sich wie eine Schnecke in Haus der Restfamilie zurück. Der einzige gesellschaftliche Bezugspunkt bleibt die Grossmutter Lakusha. Die ohnehin schwierige Situation verschärft sich zusätzlich, als die Mutter spontan beschliesst, mit den Kindern auf die Insel La Réunion im Indischen Ozean umzuziehen, weil sie da angeblich eine Stelle in Aussicht habe. Mit wenig Gepäck fliegen sie dahin, richten sich auf Luftmatratzen und ohne Geld in einem unwohnlichen Haus ein, um nach wenigen Wochen wieder zu verschwinden – dieses Mal in die France profonde, in ein Dorf im Südwesten, zu dem sie nicht den geringsten Bezug haben; abermals einer Stelle wegen. Das Muster wird sich die nächsten Jahre zwanzig Mal wiederholen. Die Vier bilden eine gesellschaftliche Monade, die, wie sich allmählich herauskristallisiert, von den väterlichen Schulden gejagt wird, in Person eines gewissen Lanvin, der sie mit Rechnungen verfolgt. Kaum hat er die neue Adresse eruiert, steht der nächste Umzug an. Es gleicht einem Teufelskreis, der die Mutter in Atem hält und die drei Kinder unterschiedlich belastet. Die elfjährige Palma erzählt mit dem Verantwortungsbewusstsein eines frühreifen Mädchens, wie sie sich selbst das Leben in Träumen erfindet und wie der naseweise Victor in seinen Schachfimmel flieht. Einzig Charles, der Älteste, hält Kontakt zur Aussenwelt; er führt ein geheimnisvolles Nebenleben, das sich der Kontrolle der Mutter entzieht. Wie sie ist er ein starker Raucher – ein Leitmotiv in diesem Buch. Palmas Geschichte ist gewissermassen vom Dunst der Zigaretten umnebelt. Charles weiss trotz jungen Jahren seine Umgebung mit seiner anmutigen Lässigkeit zu bezirzen – auch wenn er sich selbst nicht so souverän fühlt.

Mit der Stimme von Palma erzählt Emmanuelle Fournier-Lorentz eine so tragische wie komische Familiengeschichte, die geprägt ist von Niederlagen, von Ärmlichkeit, aber auch von einer unverbrüchlichen Solidarität, in der immer wieder ein Widerspruchsgeist und somit ein Funken Hoffnung aufblitzt. Aus der Optik dieser Familie gerät die Umwelt zu einer Karikatur der geregelten Normalität, die keine der familiären Tugenden so richtig zu würdigen vermag: Freiheit, Frechheit, Zusammenhalt, Kreativität in der nomadischen Existenz ohne eigentliches Zuhause. Die Mutter und ihre drei Kinder mögen allein sein mit ihren Schulden, einsam sind sie nie. Und sie behalten den Vater in ihrer Mitte, indem Palma und Victor auf Rache sinnen, nachdem sie hinter das Geheimnis von seinem Tod und von diesem Lanvin kommen; oder indem Charles auf seine Weise eine Schuldentilgungsstrategie entwickelt. Dies mag ein wenig idealisiert anmuten, was an dhiesem Roman aber überzeugt, sind die Liebe zum Detail und die Empathie für die Hauptfiguren, die die Autorin mit einem trefflichen „Mutterwitz“ ausstattet und einer versöhnlich stimmenden Solidarität. Immer wieder behilft sich Palma mit Sprichwörtern und kernigen Sätzen wie «auf einem rollenden Stein könne kein Moos wachsen» oder «Unser Leben mochte zwar aus der Bahn geraten sein, aber es folgte wieder einem festen Rhythmus». Dieser kluge, zugleich naive Pragmatismus hilft der Familie zu überleben. Palmas Erzählen auf dem feinen Grat zwischen Komik und Tragik zeichnet obendrein ein schönes Bild der France profonde, durch die die Familie reist; ein Bild, das in der Übersetzung von Sula Textor auch auf Deutsch feine Konturen erhält.

Fokus «Fünf Debütromane im Frühjahr 2023», von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3. 7. 2023