Nimm die Alpen weg Roman
Nimm die Alpen weg erzählt in Bildern die Geschichte einer Kindheit in der Schweiz. Da ist das namenlose Geschwisterpaar, das im Chor spricht. Da ist ein Zuhause mit Ma und Pa, die mit ihren vier Armen wie eine Gottheit erscheinen. Da ist die Geschwindigkeit der Velos, mit denen die Kinder hinaus zu ihren Spielen fahren: zur Telefonzelle, zur Müllhalde, ins Schilf. Und da kommt ein neues Kind in die Klasse und bahnt den Geschwistern einen Weg aus ihrem eigenen, inneren Gebirge.
In einer lyrisch-luziden Prosa entwickelt Ralph Tharayil in seinem Debüt eine unvergleichliche «coming of age» Geschichte, die von den Formen und Deformationen der Integrationserfahrung erzählt, und von der Sprache und den Körpern, die sich dieser Erfahrung widersetzen.
(Voland & Quist, edition Azur)
Recensione
Sie stehen nur rum, sie versperren die Sicht aufs Mittelmeer, auch vor Elefanten schützen sie nicht: Gegen die Alpen spricht in der Tat vieles. Der Wunsch, sich ihrer auf die eine oder andere Weise zu entledigen, hat in der schweizerischen Denkgeschichte hehre Tradition. Nieder mit den Alpen, mehr «italiänische Luft» (Carl Spitteler), «gäge d Bärge singeni aa» (Stiller Has) – die Beispiele von Alpenentsorgungsbeschwörungen aus der helvetischen Kulturgeschichte sind zahlreich. Eine der bekanntesten Formeln dieser Missbilligung stammt von Paul Nizons gleichnamigen Text Diskurs in der Enge: Wann immer die Berge und Täler politisch aufgeladen werden, kommen sie als symbolisches Gefängnis oder Hindernis zur Selbstentfaltung in den Blick. Der Journalist Benjamin von Wyl hat im Mai dieses Jahres in dem Beitrag Sprengt die Alpen! (Swissinfo) noch einmal zusammengefasst, worum es bei der Bergmalaise ging und geht: um empfundene Kleingeistigkeit (der anderen), Langeweile und soziopolitische Beengtheit. Voraussetzung dieses Diskurses ist der Blick aus dem schweizerischen Inneren: Stets sind es Einwohner:innen, die endlich Platz zum Atmen wollen, und von Wyl legt einen spitzen Fokus auf die zuweilen grossmäulige Bequemlichkeit der Sprengfantasien: «Wer sich als Spielerei überlegen kann, die Alpen zu sprengen, lebt ein Leben, in dem echte Explosionen sehr unwahrscheinlich sind».
Bei einem derart abgewanderten Topos ist es erfrischend, einen völlig anderen Blick darauf präsentiert zu kommen. Ralph Tharayils schlanker Debütroman macht schon im Titel darauf aufmerksam, dass hier eine ganz andere, weniger explosive, aber nicht weniger politische Erzählweise zur Anwendung kommt: Nimm die Alpen weg. Direkt in der Ansage, aber mit nüchterner Behutsamkeit, so lässt sich das poetische Programm hier vielleicht benennen.
Knappheit und Zeilenumbruch
Der Text ist aus der Perspektive eines kindlichen «Wir» erzählt, das sich als junges Geschwisterpaar einer in die Schweiz migrierten Familie erweist. Die Geschwister bewegen sich in einem relativ kleinen Kosmos: Apartment, Wohnstrasse, Schule, viel mehr Raum wird den Kindern erzählerisch nicht zugestanden. Und auch dieser Raum ist eng bemessen: «Der Boden geht bis zum Bett und das / Bett geht bis zur Decke. […] Wir können die Enge kaum berühren. / Wir sitzen uns / im Nacken» heisst es bereits auf der ersten Seite. Knappheit dominiert auch die Handlung: Die Familie lebt in einer winzigen Wohnung einer schweizerischen Stadt, beide Eltern arbeiten («bei der Arbeit / beider Arbeit»), die Kinder sind oft auf sich selbst gestellt. Sie gehen zur Schule, erleben elterliche Gewalt einer autoritären Erziehung, Freundschaften und Rassismus und versuchen, innerhalb ihrer Möglichkeiten eigene Wege der Selbstbestimmung zu finden. Die auf der Handlungsebene umgesetzte Mangelerscheinung bietet keine grossen Auswege, sie heisst Alltag.
Dieser Alltag setzt auf jeder Seite neu an. Der Text präsentiert in lyrisch abgesetzten, minutiös gearbeiteten Einzelsätzen lose zusammenhängende Eindrücke. Erzählt werden Momentaufnahmen, jede so alltäglich und mit Bedeutung aufladbar wie ein Schnappschuss in einem durchblätterten Familienalbum:
Draußen ist jetzt Herbst und drinnen sind Windpocken.
Wir kratzen uns
gegenseitig.Dann stehen wir auf und gehen zum Arzt.
Seine Praxis ist beim Bahnhof. Ma kommt
mit. Ihre Augenringe sind wie das Innere eines alten Baumes, nur
ohne Farbe.
Der Zeilenumbruch ist dabei mehr als eine lyrisierende Pose: Im besten Fall leistet er überraschende Volten und Pointen, er rhythmisiert den Text und rückt bestimmte Wendungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit; in anderen Fällen strahlt er einen nicht immer überzeugenden Formwillen um jeden Preis aus. Jedenfalls markiert diese Stilentscheidung früh ein Grundthema der Geschwister: Den erahnten Ausweg – durch Sprache – aus Alltag, beengter Familiensituation und Gewalt.
Lebensmittelproduktionsabteilung und Wortfindungsakrobatik
Beengtheit in Raum und Handlung, Entdeckung und Vorantasten in der Sprache. Während der Kinderalltag den Text erzählerisch strukturiert, sind die Wortfindungen der Geschwister die Impuls gebende Kraft der Lektüre. Für das Kinder-Wir spielt Sprache als Mittel zur Selbstfindung eine übergeordnete Rolle: Formulierungen werden auf ihre Belastbarkeit abgeklopft, Doppeldeutigkeiten ausgelotet, Lagerzuteilungen von «ihrer Sprache» (der Eltern) gegen «unsere Sprache» werden vorgenommen:
Ma und Pa können uns nicht anrufen. / Sie sind besetzt mit unseren Wünschen.
Nun ist es mit der Kinderperspektive in Erzählungen immer so eine Sache. Oft läuft das ja so, dass die Kinderperspektive als grossäugig-naiver Wahrnehmungsmodus über einen Text gestülpt wird, damit die kundige erwachsene Leserschaft sieht: ‘Aha, hier versteht das Kind etwas nicht richtig – ich aber schon. Raffiniert!’ Dieses Problem umspielt Tharayils Text souverän. Die Kinderwahrnehmung wirkt nie defizitär, da die Entwicklung ihrer Eigensprache Programm ist: Wir sehen und erleben mit den Kindern; wir verstehen und missverstehen gemeinsam mit ihnen.
Die den Text durchziehenden, wiederkehrenden Wendungen lehnen sich dabei durchaus an geschwisterliche Geheimsprachen und Kinderreime an, markieren aber auch die sprachmaterielle Umwelt, in der das Kinder-Wir sich orientieren muss. Das im Text als Kauderwelsch markierte barekhmorekyrieleison wird ebenso zum Mantra einer zur Elternwelt gehörenden Religion wie die für die Kinder mit Vorwürfen behafteten Arbeitsmottos der Eltern «stressstressstress» oder das spektakuläre Wort lebensmittelproduktionsabteilung, das in einem Guss das Unverständnis der Kinder für die ständig wechselnden väterlichen Arbeitsstellen, seine Entfremdungserfahrung und die (hier abweisende) Komik deutscher Komposita-Bildungen einfängt.
Innerfamiliäre Verwerfungslinien
Der Text setzt sich zudem auf subtile Weise mit den sozialen Verwerfungslinien innerhalb von Familien auseinander. Die Eltern haben als Immigrant:innen, die an ihrem sozialen Aufstieg arbeiten, eine relativ klare «Aufgabe» – zumindest in der Wahrnehmung der Kinder. Die Kinder befinden sich in einem ganz anderen Selbstfindungsprojekt, sie teilen die Lebenswelt und die Migrationserfahrung der Eltern nur bedingt. Für sie existiert ihre Herkunft vor allem als historisches Substrat der elterlichen Werte, der an die Kinder gerichteten, mit grosser Strenge und Fürsorge vermengten Vorwürfe und Erwartungen («stressstressstress / euretwegen / alles / für euch»). Das zeigt sich beispielhaft darin, dass die Eltern bestimmte europäische Kulturtechniken (etwa Besteckaufdecken) nicht beherrschen («Links und rechts ist alles vertauscht, aber das sehen nur / wir»), weshalb die Kinder auf einer eigenen Praxis bestehen, die den Eltern wiederum nicht recht ist:
Unsere Freunde sollen mit den Händen essen wie wir, sagen
wir und Pa sagt:Hier isst man nicht mit den Händen.
Er hat
Recht.Hier vermisst man sich
nicht mit den Händen.
Der Text macht hier mittels seiner auf Doppelbödigkeit zielenden Machart («Hier vermisst man sich / nicht mit den Händen») mit sanftem, aber festem Nachdruck klar, dass es so etwas wie ganzheitlich schubladisierbare «Migrationsfamilien» mit vermeintlich homogener «Migrationserfahrung» überhaupt nicht gibt – oder wenn, dann nur aus einer teilnahmslosen Wahrnehmung, die an den Menschen vorbeischaut.
Es geht immer bergauf
«Nimm die Alpen weg» – die auch im Text spielerisch gestellte, da nicht einlösbare Forderung zeigt auch an, dass Vieles bewusst unaufgelöst bleibt. Die generationelle Spannung, die der auf die Kinder ausgeübte, elterliche Erfolgs- und Anpassungsdruck produziert, wird bis zum Schluss der Handlung und darüber hinaus ebenso aufrechterhalten wie der verfremdende Blick, mit dem das Kinder-Wir seine Umwelt taxiert. Der durch den Titel aufgerufene Enge-Diskurs schlägt sich zunehmend in der Machart des Textes nieder und setzt sich nahezu gegen ein Versprechen von Öffnung durch. Diese Abzirkelung von Innen gegen Aussen, der Geschwister-Sprachwelt gegen den Rest, wird gegen Textende durch punktuell auftretende Wortkaskaden aufgebrochen, die mit dem umgebenden Text kontrastieren:
man macht das nun mal so mal so und macht das so mal so und man macht das so mal so und macht mal so und macht mal so und man macht das halt so und soso so macht man das also und macht mal so und so weiter und mal mal mal macht nichts und mal sind zwei mal sind nicht vier und mal sind nicht zwei sind mehr als eine und mal nur vier mehr als nichts und […] mal so weiter und weiter und malt das malmal so weiter und weiter und so weiter und so weiter bis die wunde weiter wird und das weiter wird mal weiter und wird dann mal blasser und so wird dann mal weiter und wird mal blasser und blasser und
blessur.
Illustriert das ästhetisch eine Hilflosigkeit des Emanzipationsunterfangens? Die Coming-of-Age-Erzählung deutet im Schluss jedenfalls die ernüchternde Erkenntnis an, dass es bei den zentralen Themen – Migrationserfahrung und Selbstfindung – keinen zu erreichenden, ‘erwachsenen’ Zustand zu geben scheint. Die Alpen bleiben nun mal, wo sie sind:
Nimm die Alpen weg, rufen wir und machen Spaß.
Es geht immer
bergauf.