Sie flogen nachts
Roman

Aava ist unterwegs nach Finnland. Ihre Vorfahren stammen von dort, aber was bedeuten diese Wurzeln? Es ist tiefster Winter, als sie ankommt, und wie ein Tier im Winterschlaf zieht sie sich in die Holzhütte ihrer Tante zurück, beobachtet den Schnee, fährt Langlauf, lässt sich die ungewohnten finnischen Wörter auf der Zunge zergehen.
Als das Eis schmilzt, drängt sich ihr eine Geschichte auf, die schon lange in ihr geschlummert hat. Doch so leicht lässt sie sich nicht aufs Papier bannen, zu viel Eigenleben hat die Figur Tuuli in der Zwischenzeit angenommen.
Sie flogen nachts ist die Geschichte einer Rückkehr – und die Rückkehr einer Geschichte. In reinem Genuss an der Sprache webt Mirja Lanz in ihrem Debütroman einen dichten Teppich aus Klängen und Stimmungen und erzählt soghaft von Identität, Natur, Familie und Heimat.

(Dörlemann)

Kühle, klirrende Stimmigkeit

di Beat Mazenauer
Inserito il 09.03.2023

«Der Wind ist ein Dichter, er schreibt die Welt ins Reine», zitiert Mirja Lanz im Vorspann ihres Debütromans Sie flogen nachts den finnischen Dichter Toivo Laakso. Der Wind spielt darin in zweifacher Weise eine Hauptrolle: als raunender, zischender, säuselnder Wind, der der Protagonistin Eindrücke und Mythen zuträgt; und als Spielfigur namens Tuuli, was auf finnisch für Wind steht. Aava, die Protagonistin, reist nach Finnland, um die «Fischgründe meiner Ahnen» aufzusuchen. Sie trifft hier Verwandte mit klingenden Namen wie Satu, Suvi oder Sini, die ihr Korvapuusti (Hefeschnecken) auftischen und sie nach Suunitelmia (Plänen) fragen. Letztere hat Aava nicht, sie sucht die Ruhe und Abgeschiedenheit, um still in die Natur hinaus zu lauschen, den Raben zuzusehen oder eine einsame Spur über den zugefrorenen See zu ziehen. Vom Wind wird ihr auch Tuuli zugetragen, die sich ihr vorstellt: «ich entspringe einer versäumten Geschichte, denn ich schlief gleich zu Beginn auf der Seite ein.»
Es passiert nicht viel im winterlichen und allmählich vom Frühjahr aufgetauten Norden Finnlands. Mirja Lanz verlegt sich in ihrem Roman ganz auf das Klanglich-Sprachliche. Mit dem Wind räuspert sich der Text, spielt er mit Worten und Bildern, und versenkt sich förmlich in die Stille der Natur. Auf diese Weise erzeugt Die Autorin eine kühle, klirrende Stimmigkeit, die auch für die Protagonistin nur schwer Wärme erzeugt, selbst wenn ihr die Abgeschiedenheit wohl tut. Reizvoll mischt sich die finnische Sprache darunter, die fremd anmutet, dafür ein eigenes Klangspektrum hervorbringt und so die Sinne Aavas für die nordischen Mythen und Sagen öffnet, die in der Natur wohnen und sich regen. Hin und wieder weitet sich die bildhafte und klangvolle Sprache ins eigentlich Bildhafte und gerät förmlich ins Rieseln.

M   k   E   f   
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R   S   e   e   
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Wenn zuweilen der Stammbaum ein paar Fakten«orakelt» , ist freilich nicht viel daraus zu erfahren. Damit tritt die Kehrseite dieses Buchs in Erscheinung. So stimmig und eigenwillig sich Sie flogen nachts zeigt, so wenig wird darin erzählt, auch wenn hin und wieder von Geschichten die Rede ist. Der Text schreckt davor zurück. Die Stimmigkeit bleibt in der Luft, oder mit Tuuli gesprochen, im Wind hängen und findet kaum Bodenhaftung. Die Figuren mit den klingenden Namen Suvi, Satu, Sini bleiben konturlos und somit ohne jenen Familienzusammenhalt, um den es der Protagonistin auf ihrer Reise eigentlich geht. Der Stammbaum schafft keine echte Verbindung, er hat keine Wurzeln. So spielen die verwandtschaftlichen Figuren für das Ich eigentlich keine Rolle, weshalb das Buch in luftiger und raunender Erinnerung bleibt, aber ohne Gesichter und Geschichten.

Fokus «Fünf Debütromane im Frühjahr 2023», von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 3. 7. 2023