giftland

Musik ist dieses Buch, inhaltlich, formal, sprachlich. Der Schlagzeuger Sämi tourt mit einer Band durch die USA, «die ganz wält taktet», wenn ihr Van über die Highways braust. Sämis Wahrnehmungs- und Gedankenloops takten, der Text taktet in seinen Episoden und Refrains, und es takten auch die Wörter in ihrer phonetischen Schreibung. In ironischem Kontrast zu unserem Lese- und Hörvergnügen erlebt Sämi Enttäuschung und Verdruss.
Das ersehnte «On the road» wird ihm zur schalen Routine, «e trättmüli /es laufrad». Er setzt der voranstürmenden Tour Rückwärtsbewegungen entgegen, spult seine Reise und sein Leben zurück wie in seinen Videos und geht rückwärts, bis sogar die Band rückwärts spielt. Durch die sich dabei ergebenden Slapstick-Kapriolen gewinnt der Text über die präzisen Bilder der vorbeirauschenden Szenen hinaus auch filmische Qualität. Zugleich erweist sich Sämis rückspulende Rebellion als tragikomische Demontage des amerikanischen Traums.

(Der gesunde Menschenversand)

Hinderschi vorwärts

di Beat Mazenauer
Inserito il 15.05.2023

Eine ausgedehnte Tournee durch die USA, das ist einer der grossen Träume von Jungs, die in einer Band spielen. Es muss sich grossartig anfühlen, auf grossen Bühnen oder in stickigen Clubs aufzutreten und dazwischen quer durch das weite Land zu fahren, eine verschworene Einheit zu viert. Die Realität schaut dann meist anders aus. In seinem zweiten Dialekt-Roman giftland erzählt Dominic Oppliger von diesem Traum. Sämi, der Schlagzeuger, braust mit Maja, Remo und Piär in einem Van über die endlosen Highways auf dem Weg zu einem billigen Motel oder zu einem Gig in irgendeiner Vorstadt. Unterwegs verliert der grosse Traum für Sämi immer mehr an Glanz.

chunt en see / chunt e böschig / en boozschtäg / e böschig / schilf / zägg böschig / en graureier flüügt uuf / böschig / e weid / zägg böschig ….

Diese Reiserei kommt ihm wie eine grosse Schlaufe vor: «en loop / e trättmüli / es laufrad», in welcher jeder Gedanke genau «bis zum nächschte / zägg böschig» reicht – und daran hängen bleibt. Die Eintönigkeit legt sich wie eine Folie auch über die Konzerte, die sie geben, und sie belastet mit Fortdauer den Zusammenhalt innerhalb der Band. Sämi glotzt während der endlosen Fahrten aus dem Fenster, sieht auf der einen Seite «zägg böschig», auf der anderen die Autos, die «alli forwärzraased» und deren Räder im flirrenden Blick «rückwärztrülled». Doch unvermittelt wird diese optische Täuschung zur heimlichen Erkenntnis: dass also «im forwärzraase alles rückwärzlauft».

Sämi hegt gewiss keine theoretischen Absichten, dennoch mischen sich in seine spontanen Gedanken beim Lesen unvermutet Paul Virilios «rasender Stillstand» oder Walter Benjamins «Engel der Geschichte», «der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt». Sämi sieht es eher pragmatisch, weil es, «au wänn mer das weiss / ebe doch nüüt hilft». Dennoch regt ihn der visuelle Effekt an, sich zum Zeitvertreib die vergangenen Tage rückwärts in Erinnerung zu rufen: wie er gestern abend rückwärts von der Bühne abtrat, zurück in den Backstage-Raum, wo die Zigarette wieder anwuchs, während er Rauch inhalierte, und zurück ins Paket schnippte, wie er dann rückwärts zum Van ging, der rückwärts auf den Highway hinausfuhr usw. Der Künstler Daniel Spörri hat 1968 einen Film gedreht, «Resurrection», in dem er den Werdegang eines Steaks rückwärts vom Klo bis zum Rind auf der Wiese abspielt. Diese Vertauschung von Handlung und Effekt eröffnet eine ganz neue Perspektive. Das macht sich auch Dominic Oppliger zunutze. Seinem Protagonisten gefällt die Rückwärtserinnerung derart gut, dass er Tage darauf tatsächlich rückwärts aus dem Van steigt und den ganzen Weg bis zur Bühne rückwärts geht, so dass es ihm vorkommt, als ob alle «um inn ume hinderschilaufe». Auf einmal rückt die Welt für ihn in die richtige Ordnung. Die ihn sehen, nennen ihn bald den «backward man». Tatsächlich wird Sämis Alltag auf der Tour interessanter, er vergisst das langweilige Einerlei.

Dominic Oppliger erzählt in seinem Roman giftland eine vordergründig ganz unscheinbare Road novel einer Band quer durch die USA. Sein Protagonist Sämi benimmt sich manchmal fürchterlich eigensinnig, ein Schlagzeuger halt, aber eigentlich ist er ein netter Kerl mit dem Herzen am rechten Fleck, was er in Begegnungen mit Zufallsbekannten auch immer wieder beweist. Dominic Oppliger erzählt von Sämis Erlebnissen und Enttäuschungen in einer Art, die absolut stimmig ist, also leise desillusioniert, manchmal sentimental, zugleich witzig komisch.

Eine USA-Tour mit einer Band ist ein Mythos und in Wirklichkeit ein beschwerliches, oft ödes Unternehmen. Zugleich hält es überraschend wunderbare Momente bereit. Als die Bandmitglieder in Memphis in einem Fummelladen herumstöbern und ihn in schrägen Verkleidungen verlassen, die sie anschliessend beim Soundcheck gleich anbehalten, gelingt ihnen auf einmal eine wunderbare musikalische Symbiose. Sie harmonieren blindlings, spielen ihre Noten vor- und rückwärts und variieren die Songs aus innigem Gefühl heraus. Genau auf diesen Moment kommt es an – und Sämi glaubt das Geheimnis zu kennen:

es isch wi en zauber
und de zaubertrikk heisst umcheere
umtrülle
ferchert mache
s gägeteil mache

gnueg lang dureziä isch de trikk
und d teili ghäied an ort

Aber auch diese Erkenntnis ist vielleicht nur ein Mythos. Trotzdem ändert das nichts daran, dass Sämi verkehrtherum seinen Alltag auflockert und seine Umgebung zum Kopfschütteln, Staunen oder Wundern bringt. giftland (von einem Zitat der Band Motorpsycho herrührend: «There's nothing left to steal from the giftland») ist ein ebenso leichtes wie hintergründiges Buch, das obendrein mit einer Sprache arbeitet, die sich ganz nahe ans spontane Parlando anlehnt und die doch nie ihren ästhetischen Eigensinn verrät. «xichzzüüg wine skizze vom picasso» hat tatsächlich etwas vom Verrückenden des spanischen Meisters; die Formulierung muss laut gelesen werden, damit sie ihren Sinn offenbart. Dominic Oppliger pflegt auf diese Weise ein raffiniertes Spiel mit amalgamierten Silben, beispielsweise in «bedüütixfolle pause ade gliichenoort». Das ist grammatikalisch nicht immer konsequent, umso genauer verhält es aber phonetisch. Angereichert mit schönen Beobachtungen aus dem Bandalltag backstage, in versifften Motels und unterwegs auf eintönigen Strassen macht Oppliger aus dem Jungs-Traum einen gewitzten Spiegel unserer Lebensschlaufe. Eine süsse Melancholie schwingt als Grundton mit. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass hin und wieder hinderschi die alltägliche Routine aufzulockern vermag.