Und dann verschwinden
Roman

Eine junge Frau zieht es in eine Stadt südlich der Alpen, sie will endlich existenzielle Erfahrungen machen. Sie mietet ein Zimmer, doch die Zeit in dem fremden Land vergeht, ohne dass etwas geschieht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Einmal aber läuft ihr jemand über den Weg, ein seltsamer Typ, der Zigarillos raucht. Er bietet ihr an, bei ihm zu wohnen, in seiner riesigen Wohnung mit Klingelzug an der Badewanne und einem Klavier, auf dem schon Liszt gespielt hat. Sie zieht ein, sie belauern sich, und eines Abends steigen sie aufs Motorrad: Sie jagen durch die Nacht, berauscht vom Glück, am Leben zu sein wie nie zuvor. In Monika Neuns schön-traurigem Roman passieren die Dinge unvermutet; die Liebe, die Städte, die Wüste werden entdeckt. Genau wie das Theater, wo die junge Regisseurin antritt, «Drachen zu töten». Irgendwann kommt der Verlust hinzu, wenn man einen Namen sagt, wo niemand mehr ist, oder die hohle Zypresse aus dem Garten der Kindheit verschwindet. Unvergessliche Bilder und wiederkehrende Erinnerungen verflechten sich zu einem sprachlich dichten Lebensbuch, einem Schatz.

(Atlantis Verlag)

Everything is broken

di Jens-Peter Kusch
Inserito il 12.06.2023

In Monika Neuns Roman Und dann verschwinden blickt eine namenlose Erzählerin in scharf konturierten, bruchstückhaften Episoden auf ihr bewegtes Leben zurück. Erst gegen Ende wird klar, dass sie schwer krank ist:

Sie empfand Schönheit, auch etwas, das sie für sich im Geheimen Liebe nannte, aber sie verstand trotzdem nichts. Zeit, die sich vor einem ausdehnte, wie sie füllen? Frieden mit den Schmerzen schließen, aber es war ihr zu schwer, nicht möglich. Keine Antworten verlangen. Was dann? Um nicht zu leiden, nicht leben? Es war ihr, als hätte sie an etwas sehr Lautem teilgenommen und als wäre plötzlich der Ton abgestellt worden. Sie hatte keine Lust, den Ton wieder einzuschalten.

Sie erinnert sich vor allem an die Zeit mit einem reichen jungen Mann in Italien, einem wortkargen Bohemien und Hasardeur, der ständig Zigarillos raucht. Er feiert mit seinen Freunden trostlose Feste, sammelt kaputte Dinge, schraubt an Autos herum oder repariert Leitungen in einem der vielen Häuser, die seine Familie besitzt. Er hat nicht vor, einer geregelten Arbeit nachzugehen, zum Beispiel Arzt zu werden, wie alle in seiner Familie. Die Erzählerin wohnt bei ihm in einem grossen, düsteren Haus. Eines Nachts fahren sie mit seinem schwarzen Motorrad, das sie an einen alten Zyklopen erinnert, zu Schwefelquellen aufs Land:

Ich bin noch nie in meinem Leben so schnell gefahren. Ich bin sicher, wir müssen sterben. Ich habe keine Angst mehr davor, ich wünsche es sogar herbei. Das Letzte, was ich gesehen haben werde, sind die abgemähten Stoppelfelder neben der Straße, auf die der Mond scheint, der wie eine brennende Scherbe über uns am Himmel hängt. Die verlassenen Dörfer, durch die wir fahren, mit ihren geschlossenen Fensterläden. Und die Straße, diese Straße, die nie aufhört. Ich werde eine Skizze gewesen sein, ein paar hingeworfene Striche, und schon war es vorbei. Ich bleibe unvollendet, ich werde gewesen sein, was alles hätte sein können. Es kommt mir vor, als könnte ich niemals mehr erreichen als in diesem Augenblick.

Wieder daheim schlafen sie miteinander, aber eine feste Beziehung können sie nicht führen. Es scheint auch noch eine andere Frau zu geben. Etwas Unheimliches, eine unbestimmte Wut und Trauer gehen von dem Mann aus. Eines Tages entdecken die beiden auf einer ihrer vielen Ausfahrten einen alten, verlassenen Palazzo. Sie erkunden das Gelände in der Stunde des Pan. Auf einer Lichtung finden sie ein Skelett, vielleicht von einem Pferd oder Schaf:

Wir stehen uns gegenüber, das Skelett liegt zwischen uns, und ich bin jetzt sicher, dass da etwas ist. Es ist ganz nah, aber es macht kein Geräusch. Wir bilden ein Dreieck, er und ich und dieses Andere. Er raucht, und wir schweigen, und es schweigt auch, aber seine Gegenwart dröhnt. Plötzlich habe ich einen Gedanken, und alles beginnt sich zusammenzuziehen, die Grenze, da, wo sie immer war, sie beginnt sich zu verwischen. Übrig bleiben er und ich. Das Dritte ist jetzt auch er.

Später kehrt die Erzählerin zurück in ihre Heimat und wird «Drachenjägerin», ihr Wunschtraum aus der Schulzeit, als sie in einer Kirche von einem Theaterstück überwältig wurde. In der mythischen, grossen und stolzen Metapher findet die Welt des Theaters Raum. Drachen sind gefährlich und böse, sie bewachen Schätze. Der Applaus, den sie für ihre Aufführungen bekommt, erfüllt sie aber nicht. Sie bleibt allein, wie die Männer, denen sie begegnet, reist viel, in die Wüste und ans Mittelmeer, und kehrt immer wieder zu dem Mann mit den Zigarillos zurück:

Sie kommt zu ihm, wenn sie von den Drachenkämpfen müde ist. Sie liegt in seiner Achselhöhle, während er mit dem Mann telefoniert, von dem er will, dass er ihm die Bienen einfängt. Er glaubt, sie sei die Frau, die bei ihm liegt.
Begegneten wir uns dort, wo ich zu Hause bin, könnte er sehen, wer die andere ist. Er würde ihr neues Pferd sehen, er würde die Rüstung sehen, ihr Schwert, ihre Knappen und das Gefolge mit den Fackeln, die sie nun hat. Aber er will wahrscheinlich gar nicht wirklich wissen, wer sie ist.

Monika Neun erzählt sparsam, zumeist in der Ich-Form und manchmal auch in der dritten Person, meistens im Präsens und hin und wieder im Präteritum. Die meisten Figuren haben keine Namen, auch gibt es keine konkreten Orts- und Zeitangaben. Die Dialoge sind knapp gehalten und spiegeln eine grosse Einsamkeit und die Angst oder Unlust, sich zu öffnen. Die Natur, die Häuser, die Räume und die Dinge sind bündig beschrieben und atmosphärisch aufgeladen, wild und verwahrlost. Oft sind es nur kleine Details, mit denen die Figuren charakterisiert werden: Ein Mann heisst zum Beispiel ironisch «Hamlet-Hemd», und derjenige, mit dem sie am Ende zusammen ist, ein sanfter Bücherfreund, erinnert sie an ein Okapi. Locken, hüftlanges Männerhaar, schmutzige Finger, Jeans, kaputte Schuhe, Herzklopfen, Augenfarben, schön geformte Ohren reichen, um eine Skizze anzufertigen. Die Menschen und Dinge werden so nicht festgelegt und bleiben offen, lebendig. Mit Sentenzen hält sich die Autorin zurück. Im Zentrum ihrer fiktionalisierten Erinnerungen steht der Versuch, die Momente des Glücks zu erhaschen, und vielleicht auch, das Leben zu ordnen, die Szenen aus der Erinnerung an ihren Platz zu setzen. Doch das gelingt eigentlich nur in Form von Bildern, Fragmenten. Eine Zypresse, die im Garten ihrer Grossmutter gestanden hat, ist am Ende des Romans das eindrücklichste Bild für die Sehnsucht, Ruhe, Halt und Schutz zu finden:

Die Zypresse überragt das Haus. Wenn ich die Augen zusammenkneife und nur sie anschaue, habe ich das Gefühl, irgendwo im Süden zu sein.
An einer Stelle kann man ihre Zweige auseinanderbiegen und in sie hineinschlüpfen.
Ich spielte als Kind in der Zypresse. Es roch nach Nadeln, süß und herb zugleich, anders als die Tannen im Wald. Der Boden im Innern war mit einer dicken Schicht brauner Nadeln bedeckt, die über die Jahre abgefallen waren und einen federnden Teppich bildeten. Es war trocken in diesem kleinen Raum, der Regen erreichte hier den Boden nicht. Durch die oberen Zweige drang schräg etwas Licht, und da und dort hing ein altes Vogelnest.

Eines Tages ist die Zypresse wieder in mir aufgetaucht. Sie ist seither in meinen Gedanken, und wenn ich abends wach im Bett liege und nicht einschlafen kann, stelle ich mir vor, ich biege ihre Zweige auseinander und steige wieder in sie hinein.

Monika Neun ist am 11. Juli 2022 im Alter von 54 Jahren an Krebs gestorben. Ihr Roman Und dann verschwinden ist ein starkes Vermächtnis, ein Lebensschatz.