Glitsch
Roman

Pools, Plastikpalmen, Polarsonne: Léon Portmann durchquert auf einem Kreuzfahrtschiff die ganzjährig eisfreie Nordostpassage. Klimakatastrophentourismus mit Schlagerprogramm und Analogfisch auf der Speisekarte inklusive.
Eigentlich wollte seine Freundin Kathrin die Reise allein machen, doch er hat sich ungefragt angehängt. Dabei sind die Risse zwischen den beiden offenkundig. Als Kathrin spurlos verschwindet, macht Léon sich auf die Suche nach ihr. Er taucht immer tiefer in den Schiffsbauch ab und gerät unter Verdacht, ein blinder Passagier zu sein. Weder Kathrin noch er stehen auf der Bordliste. Nach der Beziehung erhält auch die Wirklichkeit Risse: Gibt es Kathrin überhaupt? Und was haben ein neuseeländischer Philosoph, obskure Internetforen und ein 15 Jahre altes Videospiel damit zu tun?
Glitsch ist der Trennungsroman zum Ende der Menschheit. Ein abgründiger Abgesang auf die Welt, wie wir sie zu kennen glauben, packend und klug in Szene gesetzt.

(Zytglogge)

Fehler im Code

di Beat Mazenauer
Inserito il 06.09.2023

Kathrin Wahlau und Léon Portmann sind seit fünf Jahren ein Paar. Weil Kathrin an Flugangst leidet, reisen die beiden mit dem Kreuzfahrtschiff Lady Grey nach Japan, wo Kathrin an einer «Konferenz zur interdisziplinären Erforschung der Weltablehnung» teilnimmt. Die reiche Familie Wahlau erlaubt es ihnen, dass sie sich ein Zimmer der Superior Kategorie leisten können. In ihrer Beziehung harzt es allerdings ein wenig. Eigentlich wäre Kathrin lieber alleine gereist, sie weiss, dass Léon in diesem «goldenen Käfig» voll gutgelaunter Urlauber bloss schlechte Laune verbreiten wird.

Seinen zweiten Roman lässt Adam Schwarz wie eine gewöhnliche, kriselnde Beziehungsgeschichte beginnen. Mit dem Titel Glitsch deutet er jedoch an, dass dabei etwas ins Rutschen kommen wird. Eine Szene gleich eingangs setzt ein Zeichen der Irritation. Léon möchte ein Mädchen aus dem Swimming Pool retten und ruft hektisch die Umstehenden zusammen. Wie das Mädchen aber von selbst auftaucht, steht er verdattert und beargwöhnt da – während ein Mann mit Schnauzer abgeführt wird. Die Szene hinterlässt einen seltsamen Eindruck, und bald schon mehren sich die Zeichen. Seltsam ist nicht allein die Tatsache, dass die arktische Nordostpassage für Kreuzfahrtschiffe offen ist. «Etwas stimmte nicht», spürte Léon, kurz bevor Kathrin auf einmal verschwindet, eine kurze Notiz hinterlassend: «Ich brauche etwas Zeit für mich. Such mich nicht.» Ihr Smartphone bleibt stumm. Dann verliert Léon unverhofft sein Superior-Zimmer, er verschwindet sogar aus der Passagierliste. Schliesslich stösst er auf seltsame Tattoos und einen mysteriösen Autor, dessen Bücher offenkundig auf dem Schiff gelesen werden. Dieser C.C. Salarius verkündet in verschwurbelten Sätzen den Sieg des Aussersprachlichen und die Transzendenz des «symbolisch Fassbaren». Indem sich der Mensch von aller Kommunikation befreit, wird die Welt stumm: «die Leere siegt». Hat der Kult um Salarius etwas mit dem Verschwinden Kathrins zu tun und damit, dass sich Léon zunehmend wie ein Normaler unter lauter Eingeweihten vorkommt? Oder ist es nicht eher das viele Kiffen und Gamen, das bei ihm zu einem Realitätsverlust führt? Das Bild, das der Roman ganz aus Léons Optik vermittelt, wird immer unschärfer, bis sich ein Schleier des Unwirklichen über alles legt. Darauf spielt der Titel an.

Glitches sind verfremdende Fehler im Code von Computergames oder Panoramabildern wie jenen von Google Maps. Durch Glitches, erklärt Léon, werden die «Widersprüche im Code» und damit «die Nähte» sichtbar, die ein Bild zusammenhalten. Auf einmal fehlt ein Kopf, ziehen sich Glieder in die Länge, verwischen Objekte oder überlagern sich verdoppelt. Durch solche Codefehler wird «die vollständige Immersion in die Spielwelt», das Eintauchen in dessen Realität gestört – ein Effekt, der sich auch Adam Schwarz literarisch zunutze macht. Glitsch erzählt, wie sich Léon auf die vergebliche Suche nach Kathrin macht, wie er nach dem Verlust seiner Suite tief im Schiffsbauch ein Bett in einer düsteren Koje findet, wie er vom Personal geschnitten und schliesslich weggewiesen wird, wofür er sich seinerseits mit Beschimpfungen und Verdächtigungen revanchiert. Die Glaubwürdigkeit dieses Geschehens gerät zunehmend ins Zwielicht. Den Glitch in der Erzählung lässt der Autor scheinbar unbekümmert geschehen, indem er sich ganz der Optik seines Helden anvertraut und beschreibt, was der zu sehen, erfahren, glauben meint. So driftet die Geschichte sachte weg ins Mysteriöse.

Nichts stimmte mehr. Nicht nur das grosse Ganze, selbst die kleinsten Details der Bord-Experimente hatten sich verschoben. So abwegig der Gedanke auch war, es kam ihm zunehmend vor, als ob sich das ganze Schiff gegen ihn verschworen hatte, ein grosser Organismus, der den Fremdkörper abzustossen versuchte. Wer weiss, vielleicht würde er am Schluss zur Perle.

Mit Léon geraten auch die Lesenden in einen schwirrenden Empfindungsstrom, der sie im Unklaren darüber lässt, ob sie sich noch in der Realität oder längst in einem Computerspiel, in einer riesigen Weltverschwörung oder einfach nur in den vom Haschisch vernebelten Hirngespinsten des Helden aufhalten. Dass im Hintergrund die Welt auseinanderfällt, die Arktis wegschmilzt, der sibirische Permafrost auftaut, bestätigt diese Ungewissheit.

Hin und wieder überstrapaziert Adam Schwarz dieses Prozess, sein Roman gerät selbst in eine glitchende Wiederholungsschlaufe. Der Reichtum an mysteriösen Geschehnissen und obskuren Erscheinungen, die er immer weiter aus den Tiefen des Schiffbauchs hervorholt, scheint unerschöpflich. Das Kreuzfahrtschiff mutiert unter diesem Ansturm zur Metapher für eine Welt, die selbst gänzlich glitchy zu werden droht – bevölkert von «philosophischen Zombies», die so tun, als ob sie etwas empfänden, doch gefühllos bleiben. Von einer derart verspielten Anlage am Ende Schlüssigkeit zu verlangen, wäre der falsche Anspruch. Glitsch erlaubt sich mit Recht, aus der kommunen Beziehungsgeschichte abzuirren und in lose Welt- wie Erzählfäden auszufransen. «Einzig das Haschisch half ihm [Léon] dabei, klar im Kopf zu bleiben.» Der Erkenntnisschock am Ende ändert daran nichts.