Hinter der Hecke die Welt
Roman

Ein Dorf hat Angst vor dem Verschwinden. Deshalb trifft es Massnahmen: Die bei den Touristinnen und Touristen beliebte Hecke wird gehegt und gepflegt, der Stand der Dorfkasse wird regelmäßig überprüft. Vor allem aber kümmert man sich um Pina und Lobo, denn die Kinder sind die Zukunft des Dorfes. Doch Pina und Lobo wachsen schon lange nicht mehr. Während das Dorf auf die Wachstumsschübe der Kinder wartet, beobachtet Pinas Mutter in der Arktis, wie das Eis schmilzt und Grenzen sich verschieben.
Nach ihrem gefeierten Debüt legt Gianna Molinari erneut ein eindrucksvolles Porträt über die wechselseitige Durchdringung von Natur und Kultur vor, einen Roman, der unsere Vorstellungen von Wachstum und Stillstand hinterfragt und dabei ebenso viel poetische wie politische Kraft entfaltet.

(Aufbau Verlag)

Spriessender Stillstand

di Tamara Schuler
Inserito il 12.09.2023

Pina und Lobo sind die letzten Kinder in dem kleinen Dorf, das den Schauplatz bildet in Gianna Molinaris neuem Roman. Das Dorf schrumpft, die Kinder sind die Zukunft, weshalb ihr Wachsen hoffnungsvoll beobachtet wird. Wenn sie gross sind, sollen sie dem Dorf zu neuer Grösse verhelfen, nur: Pina und Lobo sind schon länger nicht mehr gewachsen, sie misst einen Meter und 38.7 Zentimeter, er einen Meter und 35 Zentimeter. Der grösste Stolz der Dorfbewohner ist unterdessen eine Hecke, derentwegen sogar ab und an Touristen den Weg ins Dorf finden. Die Hecke ist gigantisch, rätselhaft und wächst — als einzige — beständig. Sie bremst den Wind, der in dieser Gegend fast immer bläst, und versperrt den Blick ins Umland. Während Pina und Lobo mit Hund Pilaster durch Hecke und Umgebung streifen, ist Pinas Mutter Dora weit weg: Auf einem Schiff im arktischen Meer hilft sie einer Meeresforscherin, Sedimentproben zu entnehmen:

Sie seien ungemein schön, die Bohrkerne, gefüllt mit Sedimenten aus der Tiefe, sagte die Meeresforscherin. Man könne in ihnen die Geschichte lesen, könne sehen, wo ein Vulkan eine Ascheschicht abgeworfen hat, wo ein Meteorit auf die Erde getroffen ist, kann den Dinosauriern sozusagen beim Aussterben zusehen oder erkennen, wo das Klima sich erwärmt hat.

Zwischen diesen Polen bewegt sich die Erzählung; hier die Enge des Dorfes mit seiner eingeschworenen Gemeinschaft, dort die Weite der Arktis, menschenleer und einsam. Dora schickt regelmässig Sprachaufnahmen an Pina und stellt sich vor, wie diese durch die dicken Unterwasserkabel am Grund des Atlantiks wandern, eine Verbindung quer durch die Welt. Eine Welt, die im Kleinen wie im Grossen nach immer mehr Wachstum strebt, die durchdrungen wird vom ökonomischen Denken und der Suche nach neuen Wachstumsmöglichkeiten. Während Pinas Vater Karsten in einen Snackautomaten investiert, der die Dorfkasse aufbessern soll, sinniert Dora vergangenen und zukünftigen Arktis-Expeditionen nach.

Noch Terra incognita, sagten die Geldgeber der Expedition. Vielleicht, sagten sie, gibt es oben im Norden, im Inneren der größten Insel der Welt, eisfreie Flächen, Land, auf dem Wurzeln durch den Boden dringen, auf dem Büsche wachsen, auf dem ein Leben möglich wäre und Anbau und Schürfung und Herrschaft.

Und dann, kurz vor dem jährlichen Heckenfest, Schädlingsbefall. «Wie aus dem Nichts seien sie aufgetaucht, die Fraßspuren. Dickmaulrüssler, mit Sicherheit. Die habe sie hier noch nie gesehen, in all den Jahren nicht», sagt Frau Werk, die Gärtnerin des Dorfes. Wenig später kommt es noch schlimmer: Die Hecke brennt. Zwar kann das Feuer schnell gelöscht werden, doch ein Schaden bleibt. Dieser mysteriöse Brandanschlag schwächt nicht nur den dringend benötigten Dorftourismus, sondern auch die Dorfmoral. Mit klingender Lakonie beschreibt Gianna Molinari die Veränderungen, die zwangsläufig folgen, wenn sich ein Bestandteil eines Gefüges verschiebt — in Gemeinschaften genauso wie in Ökosystemen. Die Touristen kommen nicht mehr, Dora ist weit weg, und noch jemand verschwindet still und heimlich aus dem Dorf und hinterlässt eine schmerzhafte Leere:

Wie kann man sich verabschieden, ohne dass die verabschiedete Person merkt, dass es sich um einen Abschied handelt? Wie kann man gehen, ohne Leere zu hinterlassen? Man kann Wetterfahnen dalassen oder Kleidung, die noch nach einem riecht, man kann einen Brief dalassen, eine Aufnahme, eine Fotografie. Man kann ein Versprechen dalassen, dass man wiederkommt.

Hinter der Hecke die Welt schafft es, eine Vielzahl der gegenwärtigen Zustände von Mensch und Natur aufzuzeigen. Es ist ganz simpel, sagt dieser Roman, schau dir an, was hier passiert, und dann schau in die Welt. Gianna Molinaris Sprache ist dabei stets einfühlsam, ohne Gefahr zu laufen, ins Kitschige zu kippen. Poesie und Politik fliessen in dieser ruhigen, beinahe stoischen Geschichte ineinander über, denn alles ist, wie im richtigen Leben auch, miteinander verwoben.