Damenprogramm
Roman

Seit dem sogenannten Damenprogramm ihrer Mütter haben sich die Verhältnisse grundlegend geändert und inzwischen sind Anna und Ruth selbst Damen im «reifen Alter». Die beiden unterschiedlichen Frauen sind beste Freundinnen und auch familiär verbunden, seit Anna Ruths Bruder Arno geheiratet hat. Überdies nimmt Ruth als Patentante regen Anteil am Leben von Annas suchtkranker Tochter Caro, einer komplizierten jungen Frau, die ein Leben auf der Kippe führt. Kipp- und Wendepunkte ganz anderer Art haben auch die Freundinnen erreicht. Während Anna den Tod ihres Demenzkranken Partners Arno verarbeiten muss, beendet Ruth eine unbefriedigende Beziehung. Nicht mehr jung, noch nicht alt, sehen sich die beiden mit einer ungewissen Zukunft und einer Reihe existentieller Fragen konfrontiert. Mal melancholisch, mal satirisch, in jedem Fall ziemlich unerschrocken fragen sie nach den Besonderheiten ihres Lebensabschnitts, und, wie altern jenseits aller Vorbilder und Rollenangebote geht? Was es heissen könnte, sich als gestandene Frau neu zu erfinden. Nicht grossmütterlich neutralisiert, weder griesgrämig, noch selbstoptimiert. Anna und Ruth mischen sich ein! Und derweil das Leben weitergeht und nach täglicher Bewältigung verlangt, reift in ihren klugen Köpfen ein ganz neues Damenprogramm und ein konkreter Plan.
Mit ihrem neuen Buch gelingt Theres Roth-Hunkeler ein großer Wurf. Ein berührendes, unmittelbar in Bann ziehendes Buch über das Altern, das die Verluste nicht leugnet, dabei beherzt auf das halb volle Glas schaut. Im gekonnten Wechsel zwischen Dialogen, Briefen, Rückblenden, der Innenschau der Figuren und der Aussenperspektive einer souveränen Erzählinstanz erschließt sich die Geschichte der eigenwilligen Protagonistinnen, die hier hoffentlich nicht das letzte Mal auftreten.

(Edition Bücherlese)

Ehrlich und nahbar

di Ladina Caduff
Inserito il 08.04.2024

Romane, die um existenzielle Themen kreisen, laufen schnell Gefahr, in Pathos zu verfallen. Den richtigen Ton anzuschlagen, ist eine Kunst, die Theres Roth-Hunkeler souverän beherrscht.

Hauptprotagonistinnen des Romans sind Anna und Ruth, die nicht nur eine langjährige und tiefgreifende Freundschaft, sondern auch der Umstand verbindet, dass Ruth die Patentante von Annas Tochter aus erster Ehe ist und Anna in zweiter Ehe Ruths Bruder, Arno, geheiratet hat. Arno ist an Demenz erkrankt und vor rund einem Jahr verstorben. «Stirbt jemand, gerät alles durcheinander» und «zum Glück bist du da als eine Art Ordnung in meinem Leben», schreibt Anna in einem Brief an Ruth. Der Mann und Bruder hinterlässt eine grosse Leere im Leben der beiden Freundinnen. Während Ruth mit dem Älterwerden ringt, sich von einer glücklosen Liebe trennt und den Drang nach Leben verspürt, nistet sich bei Anna hartnäckig das Gefühl der Angst ein. Seit einigen Jahren steht das Leben ihrer 32jährigen Tochter Caro aufgrund ihrer Drogensucht auf der Kippe. Die Beziehung zu ihrer Mutter gestaltet sich als ein Drahtseilakt. Die Leere, die Arno hinterlässt, füllt Anna mit ihrer Sorge um Caro, die sich aber immer mehr Ruth anvertraut.

Roth-Hunkeler schreibt in ihrem Roman über vertrackte Lebenssituationen, die mit komplexen menschlichen Gefühlen einhergehen. Dabei verharrt sie nie zu lange in einer Szene, sondern wechselt immer wieder Erzählperspektive und Zeitebene. Von der Gegenwart ausgehend entwirft die Autorin in Rückblenden eine lesenswerte, nie schwerfällige, sondern immer auch mit Witz gespickte Chronik von Ruths und Annas Leben und Freundschaft.

Damenprogramm überzeugt aber nicht nur kompositorisch, sondern auch sprachlich. Die Autorin findet eine poetische, präzis filigrane Sprache: Das Unglück bricht beispielsweise nicht einfach herein, sondern «ein böser Wind fegt alles weg, zerstört das fragile Gebäude aus Wünschen, schönen Vorstellungen und kleinen Sicherheiten» oder man wird nicht einfach alt, sondern es zeigt sich «Papierhaut im Gesicht, auf der sich das Leben durchgepaust hat und Falten wirft». Roth-Hunkeler ist eine versierte Beobachterin, schenkt den kleinen Alltäglichkeiten Aufmerksamkeit und schreibt ihnen Bedeutung zu: «Alles zählt. Die Jahreszeiten, das Rauschen des Flusses, die Lieblingsbäckerei und ihr zuverlässiges Brot. Die Sommersprossen im Gesicht, die Muttermale am Rücken und die Dellen in den Oberschenkeln zählen.» Aber es hat auch alles Gewicht, weil sie und ihre Protagonistinnen sich über die Zeitlichkeit des Seins bewusst sind, und genau darum geht es im Kern in diesem Roman.

Man liest den Text gern und mit Neugier, weil die geschilderten Ereignisse mit uns allen zu tun haben. Sei es die Frage nach der Frauen- oder Mutterrolle, sei es der Umgang mit Krankheit und Verlust oder den Formen von Beziehungen und Liebe, die Frage nach dem Konstrukt der Familie oder eben die Frage nach dem Älterwerden, der eigenen Vergänglichkeit. Dabei schafft die Autorin auch Raum für Gedanken, die laut auszusprechen Mut erfordert. Beispielsweise äussert Anna, als sie über ihre suchtkranke Tochter spricht, den Gedanken, dass es oft schwer fällt, «jene zu lieben, die nicht sind wie wir» und Caro stellt in Frage, ob sie beide überhaupt eine Familie sind, so ganz ohne Vater. Anna wiederum fragt sich nach dem Tod ihres pflegebedürftigen Mannes, ob sich Trauer und Erleichterung die Waage halten dürfen, wenn ein geliebter Mensch nach schwerer Krankheit stirbt.

Arno war Annas «lange Liebe», vor ihm gab es Thore und vor Thore Max, Caros Vater, der mittlerweile aus dem Leben der beiden verschwunden ist. Erst später wird Anna von ihrer Tochter erfahren, dass das Familienleben mit Thore Caros Fundament war und Thores Sohn Lars wohl eine Rolle bei Caros Suchterkrankung gespielt hat.

Ruth ist eine Konstante in Annas Leben und trotz aller Schicksalsschläge, die den beiden widerfahren, wirken sie nie verzweifelt, auch dann nicht, wenn sie spüren, dass sie langsam älter werden, der Pensionierung näher kommen und allmählich aus dem «Leben rauswachsen». Die zwei Freundinnen sind fest entschlossen, nicht in der «Bedeutungslosigkeit zu versinken», sondern diese «Leerstellen» im Alter mit «Sinn und Vergnügen» zu füllen. Ruth kann Anna zu einer verrückten Idee überzeugen, die auch bei anderen lebensmutigen Frauen Anklang findet. Und so breitet sich gegen Ende des Romans für die beiden Frauen eine Zukunft aus, in der sie das Alter nicht ablehnen, sondern ihm, indem sie selbst älter werden, neue Rollen und eine neue Bedeutung zuschreiben und vielleicht gar ein wenig aufmüpfig werden.

Damenprogramm kann als feministische Reminiszenz an alle Frauen gelesen werden, denen es nicht möglich war, aus ihren konventionellen Rollen auszubrechen. «Es ist falsch über Wichtiges nicht zu reden und zu glauben, so würde es verschwinden», äussert Ruth gegenüber Anna. Diese Haltung nimmt auch Theres Roth-Hunkeler in ihrem Roman ein, der unangenehme Themen anspricht, die nicht nur individueller Natur sind, sondern unsere Gesellschaft etwas angehen. Dieser ungeschönte Blick macht das Buch nahbar und ehrlich. Sollte es, wie zum Schluss angekündigt, eine Fortsetzung des Romans geben, darf man sich darauf freuen.