Die liegende Frau
Roman

Romina, Romi genannt, erwartet ihr zweites Kind, und seit kurzem gibt es da auch einen zweiten Mann. Szibilla findet es grundsätzlich unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen, und Romis Polyamorie ist für sie nichts anderes als eine Möglichkeit, sich noch mehr von Männern abhängig zu machen. Was sie verbindet, ist ihre beste Freundin Nora. Doch Nora flieht mit ihrer kleinen Tochter zu ihrer Mutter ins Schweizer Rheintal, legt sich geradewegs ins Bett ihres Jugendzimmers – und schweigt. Ratlos reisen die Freundinnen ihr nach, mieten sich in ein billiges Wellnesshotel ein. Während Romi sich Sorgen um Nora macht, ist Szibilla überzeugt, dass sie diese Auszeit braucht, um wieder zu sich selbst zu kommen. In den fünf Tagen, in denen sie Lebensentwürfe diskutieren, reißen die Gräben zwischen Romi und Szibilla immer weiter auf – bis Nora schließlich ihr Schweigen bricht.
Was bedeutet Freiheit, was Verantwortung? Was prägt uns, was wollen wir weitergeben? In ihrem dritten Roman taucht Laura Vogt tief ein in die Gefühlswelt ihrer Figuren, Frauen um die dreissig, und zeigt sie uns mit all ihren Schwächen und Stärken, Enttäuschungen und Hoffnungen. Ein lebendiger, lebensbejahender Roman, der deutlich macht, wie Individualismus, Mutterschaft und Selbstbestimmung ständig neu verhandelt werden müssen.

(FVA)

Recensione

di Tobias Lambrecht
Inserito il 14.11.2023

Lean in?

Es war einmal ein Bestseller aus dem Jahr 2013, der für Frauen im Wesentlichen den Rat bereithielt: Arbeitet mal etwas an eurer Einstellung, dann klappt das schon mit Karriere, Kinderbetreuung und gleichberechtigter Partnerschaft. «Lean in» hiess das Buch der damaligen Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg (deutsche Version von Barbara Kuhn): Hängt euch rein. Konkret vorgeschlagen wurde darin, Frauen sollen Haushaltsarbeit nicht «gatekeepen» – offenbar die Ursache für ungleich verteilte Arbeit? – und am Arbeitsplatz selbstbewusster auftreten. Für Männer hält das an Frauen gerichtete Buch wenig solcher Verhaltensvorgaben bereit – der gesellschaftliche Wandel muss von Frauen mehr oder weniger unilateral geleistet werden. Das ist unmöglich und klingt anstrengend. Die «Erschöpfung der Frauen» aus Franziska Schutzbachs gleichnamigem Buch ist da vorprogrammiert.

Drop out
Ein gelungenes Leben als Frau und Mutter im Patriarchat: Das ist ein weites Feld, und Laura Vogts dritter Roman begegnet ihm in einem konkreten Setting, nämlich der überschaubaren Welt der patriarchalischen Mittelschichtschweiz. Die «liegende Frau» des Titels ist dabei nur bedingt die Hauptfigur, sie tut nämlich zunächst wenig: Nora besucht überraschend ihre Mutter Anni und überlässt ihr die kleine Tochter Meret. Dann legt sie sich ins Bett ihres alten Kinderzimmers, um tagelang nicht mehr aufzustehen. Ihre beiden sehr unterschiedlichen Freundinnen Romi und Szibilla reisen an, um ihre Unterstützung anzubieten, doch Noras Lage bleibt ihrem Umfeld weitgehend rätselhaft. Burn-out? Depression? Erschöpfung? Jedenfalls bricht Nora mit einem gesellschaftlichen Standard, der an Frauen und Mütter wie selbstverständlich herangetragen wird: Sie verweigert ihre Verfügbarkeit, klinkt sich aus.

Angesichts Noras Rückzug, der auch die Betreuung ihres Kindes ausschliesst, beginnen Romi und Szibilla ihre auf Frausein und Mutterschaft bezogenen Differenzen kontrovers zu diskutieren. Romi ist schwanger mit dem zweiten Kind, ihr Mann Phil verfolgt eine Hochschulkarriere, während sie den Haushalt besorgt. Diametral gegenüber steht ihr Szibilla: Sie ist Antinatalistin, hängt also der Denkschule an, dass Frauen weltweit einen Geburtenstopp einführen sollten – einerseits, um aus dem patriarchalischen System auszutreten, andererseits, da der Planet ohne schädliche Menschheit sowieso besser dran sei. Zwischen ihnen liegt buchstäblich die alleinerziehende, vom System zwischenzeitlich geschaffte Nora, zurück im Ibsen’schen Puppenheim ihrer Mutter. Noch akzentuierter lassen sich die Konstellationen von Abhängigkeitsbeziehungen im Patriarchat figural nicht aufziehen.

Multiperspektivität und Polyamorie

Um die unterschiedlichen, oft explizit thesenhaften Sichtweisen auf die Themen nachfühlbar zu machen, ist der Roman in jeweils aus verschiedenen Perspektiven erzählte Abschnitte gegliedert. So erfahren wir zunächst, wie Romi eine Situation erlebt, welche Hintergrunderfahrungen und Erinnerungen sie einbringt, was sie beschäftigt. Dagegen geschnitten erhalten wir dann Szibillas Sicht auf das geschilderte Gespräch. Romi und Szibilla hadern aber nicht nur miteinander, sondern haben jeweils auch Konflikte mit sich selbst auszufechten. Romi ist deutlich unzufrieden mit der nicht selbstgewählten, nicht aktiv verhinderten Rolle als ‘Hausfrau und Mutter’, und folgt ihrem Bedürfnis, aus der überkommenen Normbiografie auszubrechen. Sie versucht unter Einbezug ihres Partners Phil, eine neue Liebe zu Dennis zu leben. Das führt zu einer für alle Beteiligten etwas unbequemen, polyamorös offenen Konstellation, da weder Phil noch Dennis davon begeistert sind – Polyamorie beruht zwar auf dem Wissen und Einverständnis aller Beteiligten, aber ein Gleichgewicht müssten sich Nora und ihre Partner erst erarbeiten. Szibilla ihrerseits ringt mit einer schmerzhaften Vergangenheit, die einen stalkenden, kontrollierenden Partner und eine Abtreibung beinhaltet. Zudem deutet der Text an, dass sie mit ihren homosexuellen Tendenzen nicht im Reinen oder sich ihrer gar nicht ganz bewusst ist.

Zu den Erzählstimmen von Romi und Szibilla gesellen sich über den Text verteilt diejenigen weiterer Figuren. Romis Partner Phil kommt hier und da zu Wort. Er kümmert sich um den gemeinsamen Sohn, der seine Mutter Romi während ihrer ungewohnten Abwesenheit vermisst. Auch die Gegenperspektive fehlt nicht, also diejenige von Dennis, dem Poeten mit dunklem Strubbel-Look voller Tiefsinn («‘Worte sind gut genug. Worte sind nicht gut genug’, sagt Dennis. ‘Beide Gedanken sind einleuchtend, und klug. […]’», 261). Von jeder neuen Perspektive erfahren wir jeweils das, was aus den vorherigen Schilderungen eigentlich bereits zu schliessen war. Noras Mutter Anni zum Beispiel, die in den Erzählungen von Romi und Szibilla als unsensible, überfürsorgliche Mutterfigur mit heuchlerisch-kleinbürgerlichem Wertesystem vorkommt, erweist sich in ihren Monologen als genau diese. Szibilla schildert das erste Wiedersehen folgendermassen: «Gleich darauf steht Anni vor uns. […] Sie begrüßt uns. Mit diesem Lächeln, das ich kenne. Alles andere als echt. Die will uns beide nicht hierhaben» (55). Von Anni selbst erfahren wir wenige Seiten später: «Zuerst reisen sie ungefragt an, und jetzt spazieren sie einfach so wieder dahin. Wie diese Szibilla rumläuft!» (59).

Scham und Solidarität

Obwohl Noras sozial und/oder psychologisch bedingte Lähmung für ihr Umfeld Anlass zur Selbsthinterfragung gibt und sich deshalb nahezu jeder Dialog um Aspekte des kaum zu entkommenden patriarchalen Systems dreht – Monogamie vs. Polyamorie, Mutterrolle vs. Antinatalismus, Elternpflichten vs. Recht auf Selbstfürsorge, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen überhaupt –, bleibt die Handlung anschaulich, die Dialoge zwar thesenhaft durchkonstruiert, aber warm und persönlich. Für Romi und Szibilla findet der Text der nachdenklichen Natur der ersteren und der direkten Art der letzteren entsprechende stilistische Lösungen. Oft scheint in den Grundsatzgesprächen Humor durch, oft werden – auch durchaus lebensnah – Unterhaltungen einfach abgebrochen, wenn sie auf echte Grundfragen oder individuell nicht lösbare Systemfragen stossen. Besonders Antinatalistin Szibilla ist eine Meisterin darin, andere für ihre Lebensentwürfe pausenlos zu massregeln, um das Gespräch dann beim ersten Hinweis auf ihre Selbstwidersprüche einfach auslaufen zu lassen. Wiederholt spielen sich Gespräche grob gemäss folgendem Muster ab:

«Es geht darum, sich möglichst unabhängig zu machen. Von diesen Abhängigkeitsverhältnissen.»
«Du meinst also, dass du freier bist als ich, nur weil du dich dafür entschieden hast, eine einsame Wölfin zu sein? Das ist doch lächerlich. Und wenn das alles ist, was du zu sagen hast, dann habe ich jetzt genug davon und würde gerne essen!», sage ich.
«Guten Appetit!», erwidert Szibilla. (77)

Das bildet die berechtigte Überforderung der Figuren ab. Grosse Fragen lassen sich nicht am Frühstücksbuffet im Hotel lösen. Laut Szibilla gelte es, sich von ‘Abhängigkeitsverhältnissen unabhängig’ zu machen, das beginne ‘im Kopf’, Beziehungen seien immer Unfreiheit, und doch: «Gute Beziehungen sind selten. […] Aber sie sind möglich» (203). Dass ausgerechnet die konfrontativ gestaltete Figur Szibilla ihre eigene, vermeintlich radikale Weltanschauung im Laufe des Romans regelrecht banalisiert, verhindert echte Denkanstösse.

Ganz am Schluss der Handlung steht Nora wieder auf und beginnt zu reden: über einen feministisch neu erzählten Persephone-Mythos, über aus den kulturellen Gründungserzählungen ausradierte Frauengestalten, gewalttätige Partner und über Frauen schon im frühen Alter anerzogene Schamgefühle. Damit nimmt die Erzählung noch einmal Fahrt auf, da der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Romans eben die Freundschaft, gegenseitige Herausforderung und Solidarität der drei Frauen ist. Konsequenterweise endet das Ganze mit einem Fragebogen von Romi «für Nora und Szibilla / über die Scham» (309). Diese Notizen stellen eine Reihe wirklich relevanter Fragen, die so im Text vorher kaum verhandelt werden, die aber ein Schlaglicht darauf werfen, welche Aspekte bezüglich weiblicher Selbstentwürfe in unserer Gesellschaft tatsächlich nicht oder nur selten offen besprochen werden.