Koenigs Weg
Ein Korrektionsroman

Karl Koenig ist ein Mann auf der Höhe der Zeit. Er ist fit, gepflegt, intelligent; er geht gekonnt um mit den digitalen Gadgets. Der Zeitgeist ist sein Freund. Und er ist allein.
Seine «Ich-AG» nennt er Koenigs Korrektionsanstalt. Er korrigiert und redigiert beruflich Texte aller Art, konzentriert, normbewusst, geradezu verliebt in die deutsche Sprache. Er ist der rührenden Ansicht, wenn er Texte sprachlich verbessere, arbeite er zugleich an seiner Selbstverbesserung.
Unverhofft erhält er eine kryptische Kurznachricht von seiner ehemaligen Lebenspartnerin Mirela. Kurz darauf begegnet er einer Frau, die aussieht wie Mirela und doch ganz anders ist. Die Nachricht und die Begegnung werfen ihn aus der Bahn. Es beginnt für ihn eine Reise durch Raum und Zeit. In einer trostlosen südosteuropäischen Stadt sieht sich Karl gezwungen, die Geschichte seines Lebens und seiner gescheiterten Beziehungen aufzuarbeiten.
Der Autor Thomas Heimgartner hat einen traurig-vergnüglichen Roman verfasst, der an seine «Nekrovelle» Kaiser ruft nach (pudelundpinscher, 2019) anknüpft. Ernst und auf einigen amüsanten Umwegen führt er vor, dass eine Partnerschaft scheitern muss, wenn es den Liebenden an Wahrhaftigkeit mangelt. Und im gekonnten Spiel mit Avataren, Phantomen und Fantasien zeigt der Autor, dass wenig so lebensnotwendig ist wie das Erzählen.

(pudelundpinscher)

Der Korrektor ist König

di Beat Mazenauer
Inserito il 22.01.2024

Die neuen Romane von Thomas Heimgartner und Monica Schwenk verbindet eine Gemeinsamkeit. Koenigs Weg wie auch Golem schreiben Geschichten fort, die in der Edition pudelundpinscher erschienen sind. Und in beiden Büchern spielt das Korrektorat als Beruf respektive die Korrektion als thematischer Kern eine zentrale Rolle.

Der Weg von Karl Koenig

Thomas Heimgartner schliesst mit Koenigs Weg an die 2019 erschienene «Nekrovelle» Kaiser ruft nach an und schreibt sie zu einer «kaiserlich-koeniglichen Dilogie» fort. Die beiden Protagonisten bilden eine personale Einheit. Karl Koenig, vormals Kaspar Kaiser, leidet weniger an seiner namentlichen Degradierung, für die er selbst verantwortlich zeichnet, als an seinen Misserfolgen in Liebesdingen. Seit zweieinhalb Jahren ist er Single, nach seiner Scheidung von Sara hat er vom Nachrufverfasser auf Korrektor umgesattelt und eine kleine «Korrektionsanstalt» eröffnet. Sara hat er überwunden, ihm nagt vielmehr Mirela am Herzen, die ihn eben erst verlassen hat. Ist sein spontaner Entschluss, sich ohne Rücksprache unterbinden zu lassen, für Mirela der Anlass zur Trennung gewesen? Koenig rätselt und kommt allmählich darauf, dass die Gründe tiefer liegen. Er hätte ja selbst darauf kommen können, dass sein Alterego Kaiser ihn nochmals heimsuchen würde. Karl hat Mirela nie von seinem früheren Leben als Kaspar erzählt, das hat sie sichtlich gekränkt. Sie wendet sich von ihm ab, verlässt die Schweiz und eröffnet in Banja Luka, woher ihre Familie stammt, ein Korrekturbüro für Schweizer Medien. Kaspar reist ihr nach und erhält immerhin die Chance, das Versäumte mit einem ausführlichen Bericht nachzuholen. Er erklärt Mirela, wie er als Kaspar Kaiser damals schon Sara verletzt hat:

Kritik provozierte erst die eigentliche Lektüre von Kaspars 'Nekrovelle', wie er den Text nannte. Sie wühlte sie auf, sie machte Narben, die sie fast vergessen hatte, wieder empfindlich. Mehr als die Tatsache, dass Kaspar ihre gemeinsame Geschichte erzählte, störte sie die Art, wie er dies tat. Sein Schreiben kam ihm auf penetrante Weise eitel vor. (…) Sie fühlte sich missbraucht als Baumaterial für Autofiktion ohne jegliche gesellschaftliche Resonanz.

Für Mirela ändert Karl Koenig sein Leben zu spät. Dem Korrektor ist entgangen, dass sich Korrekturen auf die Wahrheit berufen müssen: die sprachliche hier, die existentielle da. Fehler, die erst nach Drucklegung gefunden werden, fallen auf den Korrektor zurück, sie lassen sich erst in einem nächsten Leben ändern.

Koenigs Weg, der den Helden nach Bosnien und zu sich selbst führt, gibt sich erzählerisch weniger verschlungen als Kaiser ruft nach. Vielmehr versucht Karl Koenig das Tohuwabohu seines früheren Lebens auszubügeln. Thomas Heimgartner hält den Versuch geradlinig, mit Witz und einem guten Gespür für diesen Helden fest, der mit seinen 48 Jahren endlich irgendwie erwachsen werden sollte. «Leben, Lügen, Lebenslügen», sieht Karl ein, sind «ein weites Feld», auf dem er sich bisher tüchtig verlaufen hat. Dies macht ihn nicht unsympathisch, vielleicht gehört ein wenig Pedanterie einfach zum Berufsbild des Korrektors. Dabei sei die männliche Form betont, denn auf die bodenständige Mirela scheint dies nicht zuzutreffen. Vielmehr ist sie es, die Karl lehrt, dass es ein Denkfehler sei, «das Korrigieren von Texten als eine Art Metapher für das Neuanfangen zu sehen (…). Das ganze leere Blatt gibt es nicht – weder beim Schreiben noch im Leben.» So geht Karl Koenig immerhin gestärkt aus seinem neuerlichen Scheitern hervor. Vielleicht erhält er ja eine dritte Chance.

Ein weiblicher Golem

2015 veröffentliche Monica Schwenk den kurzen Roman Gogi, mit dem Untertitel «Drei Zeugnisse der Mühen im Leben von Korrektor Schaffner». Georg Gogi Schaffner hätte Karl Koenig womöglich verstanden, auch er ist ein seltsamer Kauz, doch einer, der nie den Mut aufgebracht hat, ein eigenes Büro zu eröffnen, er landete bloss an seinem Arbeitsplatz bei einer Zeitung auf dem Abstellgleis der Inserateabteilung. Gogi lebt seit langem allein, ihm mangelt es auch an sozialem Interesse. Weit zurück erscheint die Zeit, als er sich von einer «Liebe» aus Kindertagen bedrängen liess, die eine Weile in derselben Korrekturabteilung arbeitete: «eine wirklich dumme Person. Dreckdumm, saudumm, jawohl!» denkt er an sie zurück, wohl wissend, dass es sich nicht geziemt, so über jemanden zu denken. Diese Irene Troggenmoos blieb eine Episode in Gogis Leben, was Monica Schwenk nicht daran hindert, ihr einen kurzen Roman zu widmen. Golem erzählt in Sie-Rede von Irenes zerquälter Seele, die sich nach mehr als zwanzig Jahren noch immer mit starken Emotionen an Gogi erinnert:

War da was?
Sie lehnte sich wieder nach hinten. Ihre Seele zog sich wieder auf sich selbst zusammen. Dann war es also doch Hass gewesen, die ganze Zeit? Hass oder besser: Verachtung im Grunde? Aber nicht einmal das wusste sie mit letzter Sicherheit, nein, nicht einmal die Scherben gehörten ihr –

Irene Troggenmoos, das älteste von drei Geschwistern, versucht in ihrem Leben vieles, um dieses in gerade, gute Bahnen zu lenken. Sie jobbt und studiert. Sie versucht sich emotional zu zügeln und gleitet doch immer wieder in böse Gedanken ab, sie beginnt zu schreiben und weilt zwischendurch in der psychiatrischen Klinik – ein einziges bedrängendes Hin und Her, das sich, macht es den Eindruck, keiner Verlockung irgendeines Glücks hingeben will. Was sich damals bei der Zeitung zutrug, kennen wir andeutungsweise schon aus Gogi, in ihrem eigenen Gedankenstrom werden die Dinge indes nicht deutlicher.

«Aha: weiche Schale, harter Kern», diagnostiziert ihre Therapeutin. Monica Schwenk verwebt diese schwierige Psyche in eine versponnene, ausgesprochen bildhafte Erzählung, die nicht auf Klarheit zielt, die es nicht gibt, sondern das rätselhaft Wendische von Irenes Innenwelt bewahrt. Damit erzeugt sie eine bedrängende Stimmung, die dunkler klingt als Gogi, dessen Erzählung sich durch eine sarkastische Komik und listige Gesellschaftskritik hervortat. Das macht Golem unzugänglicher als das Vorgängerbuch. Dazu trägt auch der geheimnisvolle Titel bei: Golem wird meist als männliche Figur vorgestellt, Monica Schwenk erinnert aber im Vorbeigehen daran, dass es einen weiblichen Golemmythos gibt, der «eine unverheiratet gebliebene ungeschickte Frau mit zwei linken Händen» bezeichnet. Beiläufig im Schatten der Erzählung verharrt schliesslich auch eine Applikation namens «CitizenScore», das in China als Überwachungssystem dient und von Irene hier, so bleibt angedeutet, zur Überwachung ihrer heiteren, freundlichen Schwester Lisa benutzt wird.

Schwenks schmaler Roman hält sich in vielem bedeckt, doch immer wieder blitzen wunderbar anschauliche Metaphern darin auf, die weniger Gewissheit schaffen als die Erzählung über Irene Troggenmoos, die ebenso kraftvoll wie ohnmächtig an ihrem Leben scheitert, anschaulich verquirlen.