Ehern
Roman

Ida lässt niemanden so leicht an sich heran. Eher hangelt sie sich von einem Mann zum anderen, lose Bekanntschaften sind ihr wichtiger als tiefgehende Beziehungen, sich an jemanden zu binden, scheint ihr unmöglich. Plötzlich aber wird sie durch ihre Begegnung mit Antoine und seinen beiden Töchtern Agnes und Leïla mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ausgehend von der Beziehung zu ihnen beginnt sie, sich auf die Suche nach ihrer Herkunft zu machen. Schnell ist sie fasziniert von der Geschichte ihrer lange verstorbenen Grossmutter Magdalena, die bislang ein blinder Fleck für sie war. Ida umkreist die Lebensgeschichte ihrer Grossmutter wie ein Satellit, verknüpft deren Leben mit ihrem eigenen, ihre Erinnerungen mit Fremderinnerungen. Hat Magdalena die eigene Schwester Anna denunziert, weil sie 1941 ein Verhältnis mit einem französischen Kriegsgefangenen eingegangen ist? Während Idas Nachforschungen tauchen 300 Seiten Briefmaterial auf – alles Liebesbriefe von einem gewissen Raphaël, adressiert an Magdalena … Die Denunziantin hatte offenbar selbst ein Verhältnis zu einem Kriegsgefangenen.
Zwischen Suchen und Finden, Traum und Wirklichkeit, Erzählen und Erinnern umkreist Luise Maier Fragen nach der eigenen Herkunft, nach den Zusammenhängen von Vergangenheit und Gegenwart.

(Wallstein Verlag)

«da liegen Knochen begraben»

di Marina Galli
Inserito il 15.04.2024

Ich bin ein Garten: Ich bin nur der oberste Teil aus Schichten von Geschichten. Zu lange habe ich versucht, mich mit den schönsten Blumen zu bepflanzen, mich zu hegen und zu pflegen und der ganzen Nachbarschaft und Welt zu zeigen, wie schön ich blühen kann. Aber was wirklich auf mir wächst, das entscheidet mein Boden. Und der ist lehmig, darin steckt noch Munition aus dem Krieg, da liegen Knochen begraben, da lauern einsame Gesichter. (S. 26)

In Luise Maiers Roman wird dieser Garten förmlich umgepflügt, die obersten Schichten abgetragen, um freizulegen, was sich darunter verbirgt. Hauptfigur im Roman der Wahlschweizerin ist Ida, eine Mittzwanzigerin, die sich mit durchaus gewöhnlichen Dingen wie Reisen, Partys, Freundinnen, Männergeschichten oder einem Französischkurs die Zeit vertreibt. Als sie sich auf eine Beziehung mit Antoine einlässt und Zeit mit seinen beiden Töchtern zu verbringen beginnt, kommen immer wieder Gefühle in ihr hoch, die sie nicht einordnen kann: Einmal fangen ihre Hände beim Vorlesen einer Gutenacht-Geschichte unkontrolliert zu schwitzen an, ein andermal bricht sie in Tränen aus, als Antoine in der Nacht seine Tochter nach einem Alptraum tröstet.

Ida beschliesst, sich ihren Ängsten, die sich stets über diese körperlichen Reaktionen manifestieren, zu stellen, und ihnen auf den Grund zu gehen. So begibt sie sich auf Spurensuche in ihrer Familiengeschichte, die vom Schweigen über die Nazi-Vergangenheit mancher ihrer Mitglieder geprägt ist. Die Erzählerin kontaktiert Verwandte, konsultiert Archive und ackert sich durch Fachliteratur zur transgenerationalen Weitergabe. Der collageartige Aufbau des Romans aus kurzen Abschnitten erweist sich als gelungene Form, um sich diesem komplexen und schwer zu greifenden Thema anzunähern, das die Autorin mittels Zeitsprüngen, Orts- und Perspektivenwechsel – nicht nur Ida, sondern auch andere weibliche Mitglieder ihrer Familie kommen zu Wort – überzeugend einzukreisen vermag.
Die dichten, satten Szenen entfalten über ihren fast filmischen Stil eine grosse Kraft, die das Gefühl der Bedrohung und aufkeimenden Panik, das die Protagonistin immer wieder überkommt, auf beklemmende Art vermitteln:

Ich laufe durch den Wald, als mich plötzlich ein seltsames Gefühl befällt. Eine alte Angst, ich kenne sie. Ich kenne sie und ich höre nicht darauf, ich könnte umdrehen, zurück zur Unterkunft, aber ich gehe stur weiter. Am Ende des Waldweges sehe ich einen Jeep, auf Baumstümpfen sitzen Männer und machen Mittagspause, neben ihnen zusammengeknüllte Brotzeitpapiere und Motorsägen. […] Plötzlich ist der Van hinter mir auf der Strasse, darin die Männer, ich trete auf die Seite ins Gras, wieder schauen wir uns an, mein Augenpaar glotzt sechs andere Augenpaare an, durch eine Fensterscheibe getrennt, in der sich der Himmel spiegelt. (S. 18)

In anderen Szenen ist es die vielsagende Erzählung von Träumen, die die ganze unbewusste Dimension der Traumaweitergabe feinfühlig und treffend auf den Punkt bringt:

Meine Mutter erzählte mir einmal von einem Traum, in dem steht sie als kleines Mädchen in der Auffahrt zum Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen ist, und blickt hinüber zum Waldrand. Dort sieht sie ihren Vater, er trägt seine Soldatenuniform aus dem Krieg. Er bückt sich und hebt vorsichtig etwas vom Boden auf. Zuerst sieht sie nur etwas Plattes, wie ein übergrosses Eichblatt, dann aber erkennt sie, dass dieses Flache ein von einem Panzer bauchabwärts halb überfahrenes Kind ist. Aber es ist nicht irgendein Kind, es ist sie selbst, sie erkennt sich an den roten Gummistiefeln, die sie trägt, während sie dort an der Hecke steht und ihrem Vater zusieht, wie er ihr totes Ich mit hängenden Schultern betrachtet.
„Ich weiss nicht“, sagt meine Mutter, „was mein Vater erlebt haben muss, dass ich so etwas träume.“ (S.19-20)

Vieles bleibt vage, ungesagt oder vermutet, und doch – oder gerade deshalb – wird klar, wie stark die Leben der Frauen in ihrer Familie in den vorangehenden Generationen von physischer oder psychischer Gewalt gezeichnet waren: Da ist zum Beispiel die Grossmutter Magdalena, die das nationalsozialistische Erziehungskonzept der Ärztin Johanna Haarer auf ihre Kinder anwandte und Idas Mutter Elisabeth, die wie ihre Schwestern jahrelang unter dieser gewaltvollen Erziehung litt; oder die Grosstante Anna, die wegen einer Beziehung zu einem französischen Kriegsgefangenen 1942 ins Gefängnis muss, und danach «nie mehr dieselbe war».

Es drängt sich die Frage nach der Prägung durch die Erlebnisse unserer Vorfahrerinnen auf: Was geben wir unwillentlich weiter und was tragen wir in uns, ohne es zu wissen? Wie lange hallt der Krieg in den Körpern nach? «Ehern» stellt eine vielschichtige, sorgfältig recherchierte Auseinandersetzung mit deutscher (Familien-)Geschichte dar. Es ist ein Versuch, den Bann des Schweigens zu durchbrechen, denn durch die Lektüre wird klar: Auch und besonders das Unausgesprochene wirkt nach.