I wett, i chönnt Französisch

30 Jahre ist es her, dass der Erzähler seine 13-jährige Freundin und Schwester Astrid tot im Maisfeld aufgefunden hat, ermordet. Nicht zuletzt die Frage, ob er damals der Toten noch einen Umschlag mit einem Gutschein entwendet hat, hält ein Karussell aus Reue und schlechtem Gewissen in Gang. Immer wieder breitet sich die dörfliche Szenerie in seinen Vorstellungen aus; Halbwissen, erinnerte Sprachfetzen und der Geist der Zeit treiben ihn um – und zurück zum Schauplatz. Weit weg gehen könnte eine Möglichkeit sein, vergessen. Oder auf einer Alp alles nochmals in Rollen bringen. In einer getriebenen, der Mündlichkeit angelehnten, aber auch sorgfältig tastenden Sprache geht Sebastian Steffens Erzählung den Sirenen eines Verbrechens nach. Brüchig wird der Humor, ausfällig die Trauer, spitzzüngig der Schmerz und tragend die Imagination in diesem eindrucksvollen Sprachkunstwerk.

(Der gesunde Menschenversand)

D Wuät i mim Ranze

di Dominik Müller
Inserito il 29.01.2024

Eine plötzliche, nicht deklarierte Liebe zu einer Studentin französischer Muttersprache ist der Grund, warum sich die Ich-Figur in Sebastian Steffens neuem Buch wünscht, Französisch zu sprechen. Warum gibt die momenthafte Anwandlung dem ganzen Buch den Titel?
Es ist dem Vierzigjährigen nicht wohl in seiner Haut. Er hat keinen Beruf gelernt, jobbt hier und dort, trinkt, nimmt Drogen, hat keine Freunde und erst recht keine Freundin. Er wäre gerne ein anderer, käme gerne los von der Welt, in der er aufwuchs: Für all das steht der Wunsch, Französisch zu können.
Vor allem müsste er loskommen von der Erinnerung an die Ermordung Astrids. Er nennt sie seine «Zwillingsschwester». Sie war die Nichte seiner Pflegmutter, auf den Tag genau gleich alt, in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen, die erste Liebe. Sie sind beide dreizehn Jahre alt, als er in einem Maisfeld, wo er nach einem verschossenen Fussball sucht, ihre Leiche entdeckt. Der Junge verfällt in eine Schockstarre, zeigt keine Regung. Lähmt ihn die Ambivalenz? Er hat seine beste Freundin verloren, aber auch eine Rivalin, die grösser war, erfolgreicher in der Schule und im Sport.
Das offensichtliche Sexualdelikt wird nicht aufgeklärt. Die Ich-Figur, deren Familienname, Flückiger, nur einmal beiläufig erwähnt wird, glaubt den Mörder zu kennen. Er verpasst es aber, seinen Verdacht der Polizei zu melden. Später malt er sich Szenen der Selbstjustiz aus, in denen er den inzwischen dementen Bahnhofvorstand hinrichtet.
Das Phantombild Astrids begleitet ihn schliesslich auf eine Alp im Tessin, wo er in einem alternativen Gastbetrieb als Mädchen für alles ausgebeutet wird und wo er die schöne Französischsprecherin kennenlernt. Er glaubt, dass Astrid ihn als Versager sieht und fühlt sich von ihr gedrängt, gegen eine Gruppe junger Studentinnen und Studenten – in seinen Augen verwöhntes Volk – gewalttätig zu werden.

Ist der Text als Dokument einer persönlichen Vergangenheitsbewältigung zu lesen?

Eis ums angere.
Schritt für Schritt.
Shit für Shit.
Santimeter für Santimeter.
D Spröi vom Weizä trenne.
Gedanke richte, uflischte, wägg lege.
När ab uf Paris.

(Es gibt bekanntlich keine Schreibregeln für den Dialekt. Eine Norm müsste aber sein, selbstgesetzte Regeln konsequent anzuwenden. Es ist nicht einzusehen, wieso Steffen das unbetonte, offene e an Wortenden manchmal mit einem ä – «Weizä» – und manchmal mit einem e – «trenne» – wiedergibt.)

Aber schon die Art, wie Flückiger sich selber von seinem Vorsatz, die Vergangenheit anzugehen, zu überzeugen versucht – «I rume jetzt uf | Jetzt rumeni uf» –, lässt erahnen, dass die Gedanken nicht in eine Ordnung, sondern bloss in ein endloses Kreisen gebracht werden, das immer wieder zum Mord an Astrid zurückkehrt.
Sebastian Steffen sperrt uns Lesende ein in die Gedankenwelt seiner Figur.
Wiederholungsschlaufen und Wortrepetitionen bilden das Kreisen der Gedanken ab. Durch sorgfältig dosierte Binnenreime kommt die lyrische Prosa hin und wieder auch ins Kalauern. Ein trockenes, heutiges Berndeutsch trägt das Seine zur Wirkung bei. In den besten Momenten vermag unsentimentale Sachlichkeit und trotzige Ironie der Not der Sprecherfigur beklemmenden Ausdruck zu verleihen. Oft bleibt es aber bei Klischees. Astrids Eltern- und Grosseltern glaubt man aus Antiidyllen des Bauernlebens längst zu kennen. Von dieser Kritik auszunehmen ist die Figur der Frau Doktor, Astrids Tante und die Pflegemutter des Ichs: Mit ihren archäologischen und astrologischen Interessen öffnet sie dem Sprecher ein reiches Reservoir von Bildern. Dass dieser sonst in seinen Feindbildern gefangen bleibt, gehört zur Problematik, die das Buch ausleuchtet. Der Autor lässt seine Figur drauflos schwatzen, aber es gelingt ihm nur ansatzweise, hinter diesem Gerede Dimensionen aufscheinen zu lassen, die über das hinausgehen, was der Ich-Figur bewusst ist. Eine solche zweite Ebene würde einen so extremen Rollentext erst wirklich interessant machen.
Unzählige Male evoziert die Ich-Figur den Fund der Leiche, was zwar eine verstörende Wirkung hat, aber durchaus plausibel ist. Von dem, was sie in den fast dreissig Jahren danach erlebt, gibt er kaum etwas preis. Dass da ein Leben auf der Stelle tritt, wird so zwar angedeutet, aber nicht wirklich fassbar. Umso breiteren Platz nehmen der Ärger und die Verletzungen während des Tessiner Alpsommers ein. In diesem zu langen zweiten Teil kommt dem Buch abhanden, worin seine Stärke liegen könnte: holzschnittartige Reduktion in einem ironisch-lakonischen Berndeutsch.