Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
Roman

Ein Bildhauer im New York der 20er Jahre und eine Schriftstellerin auf seinen Spuren - verbunden durch die Frage, was Kunst wirklich ist
Voller Hoffnungen und Sehnsüchte reist der junge und aufstrebende Bildhauer Constantin Avis 1926 nach New York. Ein einflussreicher Galerist will ihn unter seine Fittiche nehmen und in dieser Stadt der Träumer und Macher ganz gross herausbringen. Beflügelt von einer aufkeimenden Liebe und der Aussicht auf Erfolg, schwebt er durch dieses neue Leben und droht dabei, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Denn wie weit kann ihn seine Kunst wirklich tragen?
Ein ganzes Jahrhundert später versucht Dora, diese Frage zu beantworten. Im beginnenden Frühling an der ligurischen Küste schreibt sie an einem Roman über Constantin Avis. Gemeinsam mit ihrem Sohn und dem Kindermädchen sucht sie hier die Ruhe, die ihr im Alltag als Künstlerin und Mutter stets fehlt. Doch je tiefer sie sich hinabgleiten lässt in diese andere Welt, desto stärker vermischt sich ihre Geschichte mit der von Constantin, und sie begreift, dass sie seine Fragen nur mit ihrem eigenen Leben beantworten kann.
Mit unvergleichlichem Charme erzählt Dana Grigorcea von der Verquickung des Lebens mit der Kunst, in einer Sprache von überwältigender Kraft und schwebender Leichtigkeit.

(Penguin Verlag)

«Denn warum noch Kunst, wenn nicht, um darin das Böse untergehen zu lassen?»

di Verena Bühler
Inserito il 12.08.2024

An den Solothurner Literaturtagen 2024 sagte Dana Grigorcea im Gespräch, als Autorin sei sie eine Gastgeberin, die die Leserschaft einlade: Kommt in meine Welt. Ist man neugierig und nimmt die Einladung an, fragt man sich, wie diese Welt wohl beschaffen ist. Und dann, wo die persönliche Welt der Dana Grigorcea auf die weitere literarische und gesellschaftliche Welt trifft, in der die Autorin lebt und schreibt. Eines wird schnell klar beim Lesen ihres Buches: Obwohl Grigorcea über eine Schriftstellerin schreibt, deren Leben gewisse Parallelen mit ihrem eigenen hat, ist ihre Prosa keine Autofiktion. Die Verknüpfung der Geschichte der Autorin Dora mit jener von Constantin Avis, der Figur, über die Dora im Roman einen Roman schreibt, untersucht vielmehr, in lockerer Form und über Zeiten und Räume hinweg, den künstlerischen Schaffensprozess und die Bedeutung von Kunst für den Einzelnen und ihre Rolle in der Gesellschaft.

Grigorceas Stil ist beschwingt und heiter. Entgegen der gängigen literarischen Mode geizt sie nicht mit Adjektiven und schlägt eine verspielte, sinnliche, flirrende Tonlage an. Das mag auf den ersten Blick irritieren oder sogar unpassend erscheinen, steht sie doch scheinbar im Widerspruch zum ernsten Thema ‘Kunst’.

An den Beginn des Romans stellt Grigorcea die Beschreibung einer Szene aus einem Stummfilm der 1910er oder 20er Jahre: Die berühmte und umschwärmte Schauspielerin Alba Fantoni tanzt im paillettenbesetzten Chiffonkleid mit dem schwer in sie verliebten Freddie zum Lied «You’d be Surprised», das auf dem neuesten Grammofonmodell gespielt wird. Doch gleich nach dem Tanz wird sie zurückgeholt von ihrem Verlobten, dem sie sich aber entzieht, als sich die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf ein Geschenk richtet, das er erhalten hat und auspackt. Aus der Verpackung heraus kommt Alba Fantoni, erstarrt zu einer kleinen Statuette.

Motive aus dieser Eingangsszene transponiert Grigorcea in die weiteren Kapitel des Romans. Constantin Avis, der sich unschwer als Constantin Brancusi erkennen lässt, reist 1926 mit einem seiner Werke im Gepäck in die USA. Am Zoll wird die Bronzefigur, die einen Vogel darstellt, nicht als Kunstwerk anerkannt und die Zöllner verlangen, dass er den Warenwert des Materials verzolle. Später kommen weitere Kunstwerke vor und nicht immer sind diese echt; manchmal bestehen sie nur aus Pappmaché. Durch den ganzen Roman hindurch zieht sich ein Ineinander von Motiven, Beziehungen, von mehr und von weniger banalen Ereignissen, die sich auf der Bühne des Lebens abspielen.

Der New Yorker Galerist Max Milner lässt Avis nach New York kommen, weil er ihm eine Einzelausstellung ermöglichen und ihn gross herausbringen will. Doch als Avis’ Schiff im Hafen von New York anlegt, ist Milner gerade verstorben. Die Assistentin der Galerie, die bis zu seinem Tod seine Geliebte war, hat es nun auf Constantin abgesehen. Sie lässt sich von ihm in ein Teehaus einladen, das sich als Bar mit einer Big Band im Keller entpuppt, qualmig und laut, und bald schon tanzen sie zu «You’d be surprised» und Avis verliebt sich in die Assistentin, allerdings nur vorübergehend, wie sich später herausstellt.

Auch in Doras Leben gibt es viele Bezüge zur Filmszene am Anfang des Romans und zu Constantin Avis und anderen Künstlern. Auch sie verreist, aus der Schweiz an die ligurische Küste, ausgestattet mit einem ungewöhnlich grosszügigen Werkstipendium, das es ihr erlaubt, ihren achtjährigen Sohn Loris mitzunehmen und ein Kindermädchen für ihn einzustellen. Ideale Voraussetzungen also für eine alleinerziehende Mutter, die schreibt. Dora mietet sich in der besten Suite des besten Hotels in der Ortschaft ein, in der Alba Fantoni geboren wurde.

Auch Dora hat einen Geliebten, Regis, der sich öfters am Handy meldet und sie bald besuchen kommen wird, dem gegenüber sie aber zwiespältige Gefühle hegt. Auch von anderen Liebesbeziehungen ist die Rede, und alle sind der Wandelbarkeit der Gefühle unterworfen und halten nicht lange. Manchmal spielen sie sich auch in Träumen ab, scheinen sich aber nicht gross von denen in der Realität zu unterscheiden.

Doch zurück zum Thema Kunst, das immer präsent ist. Wie verhält es sich mit der Kunst in diesem bunten Flickenteppich aus wechselnden Assoziationen und bunten Impressionen? Die Kunst ist nicht entrückt in höhere Sphären, sondern ein Teil dieses Teppichs. Sie speist sich aus den Ereignissen des Lebens, ist manchmal gross und bedeutungsvoll und wird dann wieder trivialisiert oder ironisch gebrochen. Die Künstler sind wechselweise ernst, bewundert oder sie sind pure Staffage auf Vernissagen und Objekte der Vermarktung. Dass die Autorin die Schriftstellerin im Buch, Dora, mit einem so grosszügigen Stipendium ausstattet, ist wohl als ironischer Kommentar zu lesen zu den tatsächlichen Produktionsbedingungen im heutigen Kunstbetrieb, gerade für Mütter mit Kindern. Auch sonst idealisiert Dana Grigorcea die Kunstwelt keineswegs, spricht ihr aber gleichzeitig auch Sinn und Tiefe nicht ab: «Denn wozu noch Kunst, wenn nicht, um die Sinne zu schärfen für ein gutes und schönes Leben?», sagt Dora an einer Stelle. Und an einer anderen «Denn warum noch Kunst, wenn nicht, um darin das Böse untergehen zu lassen?» Mit diesen Aussagen ist Grigorcea näher am antiken «prodesse et delectare» als an vielen zeitgenössischen Theorien zur Funktion von Kunst. In einem Interview wird die Autorin etwas ausführlicher: «Kunst ist für die wenigen da, die die Bereitschaft aufbringen, sich in der Skulptur eines sich hinaufstreckenden Vogels zu spiegeln. Kunst ist eine Suche nach dem Eigenen im Anderen, ohne das Andere sich dabei zu unterwerfen. Wer das nicht versteht und überall nur nach schneller Identifikation oder «Relevanz» sucht, hat keinen Zugang zur echten Kunst.» Wo sie recht hat, hat sie recht.