suisseminiature

Paralleluniversen – oder parallele Realitäten: In einem Roadmovie wird der Untergrund einer dystopischen Schweiz naher Zukunft durchmessen  – bis ins finstere Herz geschwärzter Vergangenheit. Als Zürich »Stricher-Mekka« hiess, die Streetparade eine Utopie versprach und die Schweiz als letzte Komplizin des Apartheidregimes geschäftete.
»Drei alte Freundinnen und Freunde, alle mit fliessender Identität, machen einen Ausflug zur Suisseminiature. Man kann an Friedrich Dürrenmatts Erzählung ›Der Tunnel‹ denken oder an Federico Fellinis Film ›Otto e mezzo‹: Kaum angekommen, sind sie mitten in einem Traum oder Albtraum, in dem Orte, Zeiten und Gefühle durcheinanderwirbeln … Eigenwillig und gekonnt spielt X Schneeberger mit Genres, Stilen und Stimmen, erzählt von Ausgrenzung und Gewalt, von Selbstermächtigung und Widerstand gegen gesellschaftliche Vorurteile. Nicht zuletzt schafft X den Spagat zwischen Emotion und Komik, und wohin immer es Xs Figuren auch zieht: Anarchie führt das Zepter.« (Franziska Hirsbrunner)

»Der Réduit-Roman, den die Schweiz zwar nicht verdient, aber dringendst nötig hat.« (Jessica Helvetia, Autorin und It-Girl)

(Verlag Die Brotsuppe)

Bekifft hinab ins Loch

di Beat Mazenauer
Inserito il 26.03.2024

Die Schweiz ist ein kleines Land, das perfekt in die Swissminiatur-Anlage von Melide passt. Hier zeigt sie sich in ihrer ganzen Putzigkeit mit rustikalen Bauernhäuschen und niedlichen Burgen. Aber Achtung. Die wahre Schweiz bleibt dabei unsichtbar, sie steckt anderswo, unter dem Paradeplatz oder im verzweigten Réduit zwischen Andermatt und Airolo.

Davon erzählt der Autor X Schneeberger in seinem zweiten Roman swissminiature. Er ist der verschwiegenen Kehrseite des putzigen Kleinstaats auf der Spur. Gemeinsam besuchen seine drei Protagonist:innen, der DJ Goldjunge, die operettenhafte LaRabiata und die Ich-Erzähler:in in ihrer «grün-schwarz schillernden Federgarnitur», die verwaiste, etwas verlotterte Anlage in Melide. Einzig ein deutsches Ehepaar begegnet ihnen als die «vorletzten Menschen», sonst scheint die Welt ausgestorben – wären da nicht die schwarzen gepanzerten Robocops, die hinter den Dreien her sind.

Aus dieser Unsicherheit und misslichen Gefühlslage flüchten sich diese in den Untergrund im wahren Sinn des Wortes und fahren mit dem Lovemobile, mit dem sie einst zu hypnotischen Rhythmen rund ums Seebecken kurvten, in die verwinkelten, finsteren Kavernen im Innern des Gotthard-Massivs ein. Wie einst Lewis Carrolls Alice, als sie ins Kaninchenloch fiel, begegnet ihnen hier eine ganz neue Welt: «Das verfeinerte Netz von Stollen und Löchern, das noch über das Réduit und das Militärgeheimnis hinaus informell weiter gewuchert war». Dass es ihnen in der Enge und Finsternis mal zu eng vorkommt, dann wieder riesig weit, ist freilich nicht nur der Umgebung selbst geschuldet. Pilzchen, Pillen und knisternde Joints tragen das ihre dazu bei, das immer weniger klar ist, in welcher Höhlung letztlich das Réduit steckt, im unterminierten Gotthard oder in den bekifften Köpfen der Drei.

X Schneebergers swissminiature ist eine Roadnovel quer durch die Abgründe der jüngsten Schweizer Geschichte. Kapitelweise am Katalog der Swissminiatur-Exponante in Melide vom Tellendenkmal (Nr. 1) bis zum Berner Zeitglockenturm (Nr. 114) aufgehängt, blitzt auf, was vergessen werden soll. Aus dem doppeldeutigen Untergrund, in dem die Drei sich bewegen, drängt das Verdrängte und Verque(e)re hoch – sei es familiärer, gesellschaftlicher oder politischer Natur. Im Rausch der Erinnerungen immer weiter ins Réduit vordringend, halluzinieren, delirieren, fantasieren DJ Goldjunge, LaRabiata und die Erzähler:in ein «sones choge kaputts Defilée» von Ereignissen zusammen, die realer nicht sein könnten: die Südafrika-Connection, die Geheimarmee P-26/27, die Fichenaffäre, der Atomunfall von Lucens, der Kulturboykott, die Kinder der Landstrasse oder Schwulenhatz und Racial Profiling. In einer schnell getakteten Komposition entsteht ein geschmirgelt aufgerautes Bild einer Schweiz jenseits von protestantischer Wohlanständigkeit; ein Bild, das zuweilen klaustrophob wirkt wie das Réduit, zugleich grell bunt wie die Streetparade. Der schweizerischen Behäbigkeit mit Bureschüblig und Bluemetrögli hält X Schneeberger eine genderfluide, partylike, queere Vitalität entgegen. Der Untergrund bleibt ambivalent, ein Ort des Verbergens wie des Widerstands.

Spielt swissminiature in der Welt von morgen oder jener von gestern? Die Protagonisten scheinen in ihrem rauschhaften Zustand auf jeden Fall ganz gegenwärtig und wach. Und so wie alles Leben aus «fraktaler Verwirrtheit» entstanden sei, sinniert eine von ihnen, so erzählt auch diese Prosa fragmentiert, sprunghaft, löcherig wie ein Emmentaler, und labyrinthisch verworren, undurchschaubar wie das Réduit selbst. Die Erzählebenen werden fluide ineinander verwoben oder hart gegeneinander geschnitten, die Erinnerungen mäandern zwischen Sophiatown Johannesburg und Zürich Langstrasse, zwischen Heimlichtuerei und Laszivität, zwischen bösem Schmerz und böser Satire. X Schneeberger hat seinem Text eine andere Spannkraft einbeschrieben als in seinem Erstling Neon Pink & Blue. Darin ging es um eine individuelle Selbst- und Sprachfindung, eine Befreiung aus dem familiären Korsett, hier nun rückt die kollektive Sphäre ins Zentrum: Gewalt und Ausgrenzung und die politische Macht der Verdrängung. Kraftvoll, zugleich ungebärdig erzählt swissminiature von einer Schweiz aus der Perspektive von unten, des Widerstands in wechselnden Maskeraden.
Das ist nicht immer leicht lesbar, will es auch nicht sein, doch wie schmissig die Sätze zuweilen auch hingeworfen scheinen, wirken sie doch kompakt und bewusst gesetzt. Und die Freundschaft der drei Protagonist:innen hebt das zuweilen düstere Geschehen in einer tänzerischen Leichtigkeit auf.