Zugunruhe
Roman

Zugunruhe, das ist die Rastlosigkeit von Vögeln im Vorfeld ihrer Migration, die nächtliche Sehnsucht, das Gefühl, dem Lockruf der Ferne kaum noch widerstehen zu können – was im Umkehrschluss heisst: Nichts hält mehr an diesem Ort, der zusehends unwirtlich wird. Und unwirtlich, geradezu verloren erscheint dem Protagonisten in Levin Westermanns Debütroman die Welt – und was die Menschen in ihrem Fortschrittssturm daraus gemacht haben. Flankiert von Katastrophenmeldungen, von Berichten über Pandemie und Klimakrise, von Weltraumkolonialisierungsträumen, streift er durch Landschaften der Schweiz und Deutschlands, vorbei an Raketenstationen und misstrauischen Blicken, und protokolliert die ungezügelte Zerstörungswut der Menschen, einer Spezies ausser Rand und Band, die vergessen hat, dass sie nicht allein ist auf diesem Planeten, dass sie umgeben ist von Leben, und die allen Warnungen zum Trotz nicht aufhört, jenen Sturm noch weiter anzufachen. So erweist sich die Unruhe letztlich als Ausdruck der Verfallsgeschichte von Natur und Kultur, die Westermann am Kipppunkt einzufangen weiss, als ein Aufbegehren im Angesicht des drohenden Untergangs.

(Matthes & Seitz)

Für eine Grammatik des Belebten

di Beat Mazenauer
Inserito il 18.07.2024

Levin Westermann hat bisher zwei lyrische Werke sowie einen Essayband veröffentlicht. Ihnen gesellt er nun seinen ersten Roman hinzu. Sein Titel Zugunruhe bezieht sich auf die Unruhe von Vögeln, die vor einem grossen Zug nach Norden oder Süden nicht mehr schlafen können, als «spürten sie nachts, dass etwas sie in die Ferne zieht». Auch Westermanns Erzähler spürt eine solche Unruhe, wenn er unterwegs ist, um zum Thema «Schauplatz Landschaft» zu recherchieren.

Eine verlassene Militärstellung mitten im Wald demonstriert ihm, wie die Landschaft vom Menschen immer auch als Topografie für Kriege und ihre Planung benutzt und entsprechend verformt, zerstört wurde. Handkehrrum überwuchert die Natur verblüffend schnell die Wunden menschlicher Eingriffe, wenn beispielsweise Bollwerke ihren Zweck verlieren und aufgegeben werden. Darüber zu schreiben, will ihm aber nicht recht gelingen, zu sehr verliert er sich im Netz von eigenen Beobachtungen und angelesenem Wissen. Die Landschaft hält nicht still, sie ist «nicht passiv», sondern entzieht sich immer wieder dem limitierten «sensorischen Erleben». Was bleibt, ist die Intensität, mit der die Landschaft dem Erzähler begegnet – wenn er, ganz bei sich, allein durch den Wald läuft, «frei von Menschen, Motoren und Müll» und sich mitunter in einem wuchernden Labyrinth wähnt, in dem ihn das Unbehagen beschleicht, von allen Seiten heimlich beobachtet zu werden.

Zugunruhe reflektiert eine kollektive Empfindung auf ganz subjektive Weise und sucht so Auswege aus dem selbst erlebten Dilemma zwischen Naturempfinden und Umweltzerstörung. Der Erzähler spürt, dass auch er selbst letztlich ein Rädchen im ökonomischen System ist, das den Raubbau an den natürlichen Ressourcen immer weiter betreibt. Er antwortet darauf mit Rückzug, er meidet die Gemeinschaft, um seine individuelle Freiheit in der intensiven Erfahrung der Natur zu finden. Wenn er dann beim Joggen im Wald doch von rasanten Mountainbikes überholt wird, reagiert er zuallererst mit «einer glühend heissen Wut», deren Name «Scham» sei.

Das System selbst ist krank. Westermann fordert eine Abkehr von der «Idee von immer mehr Geld und endlosem Wachstum», die uns in Richtung Abgrund schlittern lasse. Die Freiheit kann nicht grenzenlos sein, sie muss geerdet werden, hält er auch mit Blick auf die zynischen Ideen von Oligarchen wie Elon Musk fest, die die Erde längst aufgegeben haben und von «Terraforming» auf dem Mars quasseln.

Zugunruhe ist kein herkömmlicher Roman. Er folgt weniger einer Erzählung als einer essayistisch geprägten Spur des Nachdenkens, das die Handschrift des Autors trägt. Seine Recherche über den «Schauplatz Landschaft» bezieht viele überraschende Gebiete der Naturbeobachtung mit ein. Immer wieder greift der Erzähler dabei auf literarische Quellen zurück. Er liest Marlen Haushofers Die Wand, begegnet in Biel Robert Walser oder findet Zuspruch in Texten der Lyrikerin Annie Dillard. Es kann daher nicht überraschen, dass er der Sprache einen besonderen Stellenwert zumisst. Wie lässt sich über die klimatischen Veränderungen reden und schreiben, fragt er, und geht gleich noch einen Schritt weiter mit der Forderung, wir hätten «endlich die Augen zu öffnen und eine neue Sprache zu finden, eine Sprache, die die Belebtheit der Welt dokumentierte und das Leben respektierte». Eine «grammar of animacy», wie es die Pflanzenökologin Robin Wall Kimmerer genannt habe, um der Welt mit Respekt für alle Kreaturen zu begegnen. Diese demütige Zurückhaltung verbindet sich in Zugunruhe mit dem Ärger über Zerstörung, Vermassung und Raubbau, welche die menschliche Existenz gefährden, ohne dass wir uns dies eingestehen würden.

So sucht Westermanns Erzähler die Einsamkeit von Arealen auf, von denen sich die Menschen zurückgezogen haben und die wieder der Natur überlassen bleiben. Wobei er gleich einwendet, dabei von «Renaturierung» zu sprechen, sei «dreist und überheblich». Die Natur ist nicht vom Menschen abhängig. Die Erde hat Zeit, erkennt der Erzähler beim Anblick eines toten Fuchses am Wegrand, sodass «meine Präsenz nicht nötig war». Die Welt als grosses komplexes Ganzes hat eine Ordnung, spürt Levin Westermann, die ihn aufhebt darin,«einfach nur ein Teil zu sein, ein Teilchen des Planeten».