Polifon Pervers
Roman

In einer beschaulichen Kleinstadt in der Schweiz passiert Erstaunliches: Kaum gegründet, mischen Sabine und Chantal mit ihrem Verein «Polifon Pervers» und einer neuen Vision von «Onderhaltig» die Kulturszene auf. Risikofreudig und clever agierend, steigen sie als Theater-Produzentinnen zu nationalen Grössen auf und scharen eine illustre Runde um sich: vom eitlen Regisseur Lüssiän über den versoffenen Ghostwriter Iiv, den Lebemenschen und DJ Milan und die opportunistische Schauspiel-Grösse Schontal bis zu Jule und seinen Hanf-Bauern, die unversehens als Performance-Künstler brillieren. Dem Erfolg ordnet der Verein für Unterhaltung im Laufe der Geschichte alles unter, und so folgen auf erste Unsauberkeiten schon bald alle möglichen Formen des Betrugs.
Béla Rothenbühler führt in seinem zweiten Roman die Tradition des Schelmenromans fort – für einmal mit Hochstaplerinnen und auf Luzernerdeutsch. Sein ironisch-satirisches Gedankenspiel über Kultur, Unterhaltung und Geld ist selbst grosse Unterhaltungs-Kunst.

(Der gesunde Menschenversand)

Ein Theatermärchen

di Beat Mazenauer
Inserito il 22.04.2024

Die Welt ist eine Bühne und Unterhaltung hält sie in Bewegung. Doch es ist nicht leicht, auf dieser Bühne dauerhaft zu bestehen und Erfolg zu haben. Davon kann Schanti in Bela Rothenbühlers komischem Roman Polifon Pervers ein Lied singen – auch wenn Singen nicht so ihr Ding ist. Sie organisiert lieber, erstellt Budgets und sorgt sich ums Administrative. Das ist notwendig, weil der titelgebende Verein Polifon Pervers eine sagenhafte Erfolgsgeschichte ist. Zusammen mit ihrer Freundin Sabine hat Schanti innert Kürze ein verblüffendes Unternehmen auf die Beine gestellt. Geholfen hat ihnen dabei, dass sie Theater konsequent als Unterhaltung begreifen, also nicht nur moderne Bühnendramatik anbieten, sondern ganzheitlich den Wohlfühl- und Partycharakter mitdenken. Zumindest in der provinziellen Kleinstadt kommt das gut an.

Der Autor Béla Rothenbühler versteht etwas von Theater. Er ist dramaturgisches Mitglied verschiedener Theaterprojekte, er weiss, worauf es ankommt: auf Stück, Regie und Schauspiel, aber auch auf Fundraising, Medienarbeit und Catering. Deshalb gibt er in seinem zweiten Dialekt-Roman tiefe Einblicke hinter die Kulissen. Wobei hier gleich anzumerken ist, dass sein Theatermärchen gehörig idealisiert und die Büez hinter der Bühne unverfroren schön schreibt wie die kulturelle Förderpraxis. Ein Märchen halt, aber eines voller Komik, die aus der Gegenüberstellung des grossartigen Projekts mit dem provinziellen Handlungsort resultiert. Und die vertraute Alltagssprache, die Luzerner Mundart, unterstützt diesen Effekt nach Kräften.

Wennd öber d Zuekonft Züügs erfendsch, de esch das ned lüge, denn esch das Storitelling.Sii sägi dem Hochschtapeläi, het d Schanti gsäit. Aber d Sabin het gsäit, das sig äigentlech genau s Gliiche (...). Ond sowiso: Wenn alli omene Tesch ome sech gägesiitig Züüg vorschwendlid, de sig Lügen eh s falsche Wort. De sägi me dem am beschte grad Theater.

Die protestantische Workaholic Sabine ist anfänglich die Antreiberin, die hoch pokert und vollmundige Versprechungen verkauft, während Schanti noch mit leisen Skrupeln kämpft. Sie braucht etwas Zeit, bis auch sie auf den Geschmack kommt und die soziale Absicherung von Unterhaltungskünstler:innen als zweites Geschäftsfeld entdeckt. Gemeinsam haben die beiden Erfolg und mit den Käschwöschern (nomen est omen) gelingt ihnen eine bemerkenswerte Entdeckung. Sie helfen diesen jungen Hanfbauern, ihre Gewinne in die Kultur zu investieren – gewissermassen. Und angetrieben durch die Ideen des genialen Ghostwriters Yves, der auch Sabine und Schanti berät, avancieren die Käschwöscher wie nebenbei zum partizipativen Performance-Hype. Allein, wer sich allzu sicher fühlt, droht leichtsinnig zu werden. «Wel: Das macht scho öppis met äim, wemmen äifach alles i Arsch gschoben öberchonnt.»
Wer das ahnt, ist Milan, alias DJ Milvus Milvus, Schantis Freund und auch einer, der von ihr sozial versichert wird. Milan erzählt geradlinig und unverblümt, was ihm Schanti über Polifon Pervers berichtet und er später am Rand auch selbst miterlebt hat. Seine Erzählung richtet er vertrauensvoll direkt an die Lesenden, denen er hin und wieder auch ein Versprechen abnimmt wie: «die Gschecht bliibt jetz aber onder üs, okei?»

Theater ist ja meist einfach Theater, seltener sind Erzählungen aus der Theaterwelt wie beispielsweise Guy Krnetas Die Perücke oder eben Polifon Pervers. Während Guy Krneta beobachtet, wie sich seine Protagonistin, die Regisseurin Rike, kompromisslos im Theater verausgabt, weitet Béla Rothenbühler die Perspektive lustvoll und unterhaltungsmässig. Mit feinen Seitenhieben stichelt er gegen den Kulturbetrieb wie gegen die Kulturförderung und erst recht gegen die Politik mit ihrer fixen Vorstellung vom frei regulierten Markt. Die Dialektsprache schafft dabei eine Vertrautheit zwischen Autor und Lesenden, zugleich erzeugt sie einen Verfremdungseffekt, der die Grossartigkeit der Konzepte ins Wanken bringt und all die modischen Begriffe auf einmal seltsam aussehen lässt: Säif Speis, Diitscheis und Diiler, Öifemesmos und Souschel Midia.

So profund Polifon Pervers von kreativen Prozessen rund ums Theater berichtet, so auffallend unterbelichtet bleiben die inszenierten Stücke. Sie spielen in diesem Unterhaltungsbetrieb eine sekundäre Rolle. Es geht vielmehr und fast ausschliesslich um das Drumherum. Entsprechend ist der Roman ganz auf traumhaft gute Stimmung ausgelegt, was ihn vordergründig zum Wohlfühlbuch macht. Die Härten und Rückschläge bleiben zwischen die Zeilen verbannt, bis sie sich schliesslich doch befreien und das Projekt hochkant scheitern lassen – ausgerechnet wegen einer der raren Kulturjournalistinnen, die das schöne soziale System auffliegen lässt. Trotz der gerade anrollenden Pandemie lässt es Béla Rothenbühler zuletzt turbulent werden, mit Rauch und Feuer und hektischer Flucht. Aber danach verstummt Milan, weil er nichts mehr von Schanti hört.

Polifon Pervers ist ein munteres und durchaus doppelbödiges Theatermärchen, das am Ende sogar die moralische Sendung nicht vergisst, dass nämlich die schönsten Ideen aus Freundschaft entstehen und am Ende nur die «Wörk-Läif-Bälänz» zählt. Ethische und kulturfinanzpolitische Bedenken vermögen daran nichts zu ändern: «För alles, wome mues mache, gets Chole, ond alles, wo Schpass macht, esch Läif.» Ein feiner Dunst von Cannabis legt sich auf diese Erkenntnis.