Favorita
Roman

«Es tut mir leid, deine Mutter wurde getötet.» Mit diesen Worten beginnt Filas Odyssee zwischen Lebenden und Toten: Von der Schweiz, in der sie aufgewachsen ist, nach Italien, das ihre Grossmutter als junge Frau verlassen hat und wohin ihre Mutter verschwunden ist. Fila zeichnet die Wege der beiden Frauen nach, begleitet von den Gestalten, denen sie unterwegs begegnet: revolutionäre Amazonen, faschistische Deserteure und der Geist einer jungen Bäuerin mit durchschnittener Kehle. Der Roadtrip auf den Spuren ihrer geheimnisvollen Mutter führt sie zum mutmasslichen Mörder – und mitten ins Herz des Zirkels, der das Land kontrolliert. Fila sitzt in der Falle. Aber sie ist nicht allein.
Diese italienische Reise rauscht durch Städte und Wälder, durch Einsamkeit und Feierei in die Abgründe unserer Zeit: Favorita ist ein literarischer Rachekrimi mit eigenwilligem Humor, der Fragen nach Identität, Zugehörigkeit, sexuellem Begehren und patriarchaler Gewalt spielerisch auf den Punkt bringt.

(Park x Ullstein)

Viva la anarquía in der Salamifabrik

di Jonas Rippstein
Inserito il 29.07.2024

«Ich will Vergeltung, kein Seelenheil», erkennt Fila, als sie in einer neapolitanischen Kirche vor einem Marienaltar steht und an ihre Mutter und ihre Grossmutter denkt. Die Erzählerin in Michelle Steinbecks zweitem Roman Favorita «will zu den Frauen raus rennen und mit ihnen abstürzen; aufschlagen, wieder und wieder, bis [sie] nicht mehr aufstehen kann.» Dieser Wunsch wird zur obersten Maxime einer spannungsreichen Erzählung, die sich wie eine feministische Kampfschrift, eine düstere Dramakomödie und eine schräge Zeitreise zugleich liest – beseelt von einem ewigen Durst nach Rache.

Alles beginnt mit einem Anruf. Das lyonerfarbene Drehscheibentelefon in der Küche der verstorbenen Grossmutter klingelt, am anderen Ende eine italienische Ärztin. Diese teilt Fila mit, dass ihre Mutter kürzlich gestorben sei. Sie habe zwar eine Leberzirrhose gehabt, doch in Wahrheit sei sie getötet worden. Sie habe nie jemanden gesehen, der so sehr leben wollte, meint die Ärztin, gibt Fila die Adresse eines Krankenhauses und legt abrupt auf. Dieses flüchtige, rätselhafte Telefonat bildet den Startschuss für Filas wilde Reise durch die Vergangenheit, auf der sie versucht herauszufinden, was mit ihrer Mutter wirklich geschah.

Aufgewachsen ist die Ich-Erzählerin bei ihrer italienischen Grossmutter in der Schweiz. Filas Mutter Magdalena war meistens weg. Einmal brannte sie mit irgendwelchen Männern durch, ein anderes Mal ging sie ihrer Sucht nach, oder sie verlor sich in den Strassen Neapels als Zuhälterin. Magdalena war laut, unberechenbar, zärtlich und brutal zugleich; und Filas Beziehung zu ihr war geprägt vom obsessiven Drang, anders als ihre Mutter sein zu wollen. Die Grossmutter Lavinia erzog Fila zwar gewissenhaft, litt jedoch zeit ihres Lebens unter ihrer Vergangenheit, und schimpfte in erster Linie über ihre Tochter. Was die beiden Frauen gemeinsam hatten: Sie lebten beide als Ausgestossene - Lavinia, da sie unehelich von einem Schweizer Touristen schwanger wurde, und Magdalena, weil sie nirgendwo hineinzupassen schien. Diese gesellschaftliche Ächtung untersucht Fila, die selbst ihren Platz vermeintlich gefunden hat, auf ihrer Reise immer wieder von neuem.

Auf ihrer Odyssee durch Italien begegnet Fila nicht nur der familiären Vergangenheit, sondern auch unzähligen Charakteren: So zum Beispiel revolutionären, kommunistischen Amazonen, die aus dem Untergrund – aus einer alten Salamifabrik – das Patriachat ein für alle Mal zerschlagen möchten, oder faschistischen Weinbauern, die sich in sie verlieben und mit ihr gemeinsam auf Geisterjagd gehen. Immer wieder stösst Fila bei diesen Begegnungen auf rätselhafte Leerstellen, zeitliche Lücken, die sich nicht überbrücken lassen, und der Erzählung etwas Geheimnisvolles und Ambivalentes verleihen. So gelangt Fila beispielsweise mit dem Soldaten Lorenzo, ihrem Retter und Entführer zugleich, zu einer abgelegenen Villa im italienischen Hinterland. Schnell bemerkt sie, dass es im Haus spukt, und erfährt, dass es sich um den Geist der «schönen Sisina» handle. Darauf folgt eine intensive Auseinandersetzung mit deren Geschichte:

Während einer Madonnenprozession in den Vierzigerjahren wird einer jungen Bäuerin bei einer Wasserquelle die Kehle durchschnitten – mutmasslich von ihrem Verlobten. Der grausame Mord wird zum Medienspektakel, und der Prozess endet mit einem Freispruch. Sisinas Geschichte, die von einem wahren Fall inspiriert wurde, steht exemplarisch für das Schicksal unzähliger Frauen, die Opfer eines Femizids wurden. Sie zeigt, wie gesellschaftlich über solche Taten geredet und geurteilt wird. Dabei wird die Grausamkeit eines patriarchalen Systems sichtbar, das Frauen aufgrund ihres Geschlechts Glaubwürdigkeit abspricht, und sie vorverurteilt. Fila setzt sich wie besessen mit dem Fall auseinander und beginnt Parallelen zum Schicksal ihrer Mutter zu sehen. Die Beschäftigung mit dem Fall wird so obsessiv, dass sie sogar beginnt, schlafzuwandeln, und dabei mit Sisinas Geist in Verbindung tritt. Traum und Wirklichkeit verschwimmen oft in Filas Erzählung, bis sie gar nicht mehr zu unterscheiden sind.

Zwischen all der Action, den Verfolgungsjagden, den Raketen und den Orgien ist Steinbecks Roman schliesslich vor allem eine Erzählung, die sich der Fragen nach Zugehörigkeit furchtlos annimmt, mit einer Ich-Figur, die sich nicht scheut, hinzuschauen, wo es weh tut. Mit und gerade wegen diesem Schmerz geht sie der Geschichte ihrer weiblichen Vorfahrinnen nach, die von Ungerechtigkeiten geprägt ist. Daraus entsteht ein Narrativ, das nicht nach absoluten Wahrheiten sucht, sondern vielmehr versucht, ein ehrliches Verständnis für das Geschehen aufzubringen. In Favorita ist wohl eher die Reise das Ziel, denn sie bietet Fila den Raum, um für sich abschliessen zu können – auf ihre Art.

Der raue, ehrliche Sound des Romans mit seiner unverkennbaren Sprachgewalt und gewollt kruden Übersetzungen von Ausdrücken aus dem Italienischen ins Deutsche nimmt die Leser:innen während der Reise an der Hand. Eine meist oberflächliche Heiterkeit prägt die Erzählung, ohne die bitteren Realitäten, die der Geschichte zugrunde liegen, zu kaschieren – Wut und Angst sind ebenso präsent wie Mut und Witz.

Ob Fila schliesslich wirklich dort landet, wo sie gerne bereits gelandet wäre, bleibt unklar. Vielmehr, und das scheint am wichtigsten, findet sie zwischen all den Toten, den Geistern und den Dramen eine Möglichkeit der Versöhnung in Form von Schwestern, die sie begleiten und die in denselben Schlachten kämpfen wie sie. Vielleicht ist ihr dies zwar noch nicht Vergeltung genug, aber immerhin eine kleine Genugtuung für die an ihren Vorfahrinnen verübte Gewalt.