Der Letzte löscht das Licht
Graphic Novel

Zwei Gauner, die eine Beute untereinander aufteilen. Ein Junggeselle, der heimlich seiner Nachbarin nachstellt. Ein alter Mann, der Kuchen verteilt. Und mittendrinn – eine rotgestreifte Katze. Als ein Ganoventrio auf der Suche nach einer gestohlenen Urne in das Gebäude eindringt, in dem alle diese Figuren wohnen, wird dieses zum Schauplatz eines makaberen Balletts. Es werden Faustschläge, Kugelschüsse und Liebeserklärungen ausgetauscht. Nach der Art eines Tarantino-Films verbindet diese Graphic Novel schwarzen Humor, absurde Situationen und einen Hauch von Selbstreflexion. Geleitet von Dummheit, einer schrägen Moral, Impulsivität und einer Kaskade von Unwägbarkeiten erweisen sich die Protagonisten angesichts des unabwendbaren Endes, das sie erwartet, als erstaunlich verletzlich und lächerlich.

(Helvetiq)

Alles geht schief: Pulp-Fiction in Comicform

di Beat Mazenauer
Inserito il 01.05.2024

Tobias Aeschbacher: Der Letzte löscht das Licht

Es gibt Tage, da geht alles schief, da laufen selbst einfachste Dinge aus dem Ruder. Eine solche Geschichte erzählt Tobias Aeschbacher in seinem preisgekrönten Debüt Der Letzte löscht das Licht. Es geht um eine Vase, die ein Gangster – im Grunde vielleicht ein liebenswürdiger Mensch – unbedingt zurückhaben will, weil sie die Asche seiner Grossmutter enthält. Sie ist im Dickicht der sozialen Beziehungen irgendwie verloren gegangen. Immerhin weiss er, in welchem Haus die Vase gelandet sein muss. Mit zwei etwas bescheuerten Komplizen fährt er zu dem Ort, parkt das Auto und betritt das dreistöckige Haus – soweit verläuft alles normal.
Tobias Aeschbacher erzählt seine verworrene Geschichte in traditioneller Comicform: mit flotten Dialogen und einem kleinteiligen Seitenraster. Die Panels sind meist klein, 10-12 pro Seite, sie rücken die sprechenden Figuren ins Bild und variieren die Perspektiven aufs Geschehen. Jedes der gesamthaft 6 Kapitel (nebst Prolog und Epilog) beginnt jeweils mit einer Rückblende und erzählt, was in den sechs Wohnungen geschehen ist, bis der Wagen vor dem Haus hält und die Kerngeschichte ins Rollen kommt. Die nach aussen unscheinbare kleinbürgerliche Normalität erweist sich von Wohnung zu Wohnung als Schimäre. Ein Pärchen besorgt sich Geld auf betrügerische Weise, ihr Nachbar erweist sich als penibler Voyeur, das ältere Ehepaar hat eh genug von diesem ganzen Leben, dennoch wird es vom Mann nebenan beargwöhnt. Einen Stock drüber dampfen sich zwei Jungs mit selbstangebauten Gras die Birne voll, während die junge Frau über den Gang zu allem bereit ist. Es ist eine nette Wohngemeinschaft, in der die drei Rächer auftauchen, um die Ascheräuber zu stellen – ginge nur eben nicht alles schief.
Aeschbachers Comic arbeitet mit Pulp-Effekten und erinnert im Prolog offenkundig an den Film Pulp Fiction und seine berühmte Autoszene mit John Travolta.
Die Handlungen, die sich in den einzelnen Wohnungen jeweils parallel abspielen, bis sie im Kontinuum der Kernerzählung auf tragische Weise miteinander verknüpft werden, strukturiert Aeschbacher klug über die zeitliche Achse von ein, zwei Stromunterbrüchen. In neuralgischen Momenten geht in jedem Kapitel kurz das Licht aus, womit sich die verschiedenen Geschichten miteinander synchronisieren und die knallenden Geräusche als Schüsse von unten oder nebenan identifizieren lassen. Weshalb die Stromleitung überlastet sind, findet schliesslich ebenso eine Erklärung wie die Frage, ob die gesuchte Vase tatsächlich mit der Asche der Grossmutter gefüllt ist. Der Letzte löscht das Licht fällt weniger durch seine ästhetische Form als durch seine im Wortsinn knallige, komische Handlung auf, die sich in rasanten Dialogen entlädt. Am Ende sind – paw, paw, paw – alle Rechnungen bereinigt. Licht aus. Stille senkt sich über die Tabula rasa.

Aus: «Neue Schweizer Graphic Novels», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.06.2024)