die spinne
Langgedicht

Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Eva Maria Leuenberger ist bekannt für ihre unter die Haut gehenden Texte. In die spinne werden alle Schutzhüllen abgelegt und der Realität fest ins Auge geblickt.
Etwas Endzeitliches haftet dem Langgedicht an, wenn es die Zerstörung der Natur verhandelt. Ohne jeglichen Moralismus und mit viel Zartheit schildert der Text, was mit dem Individuum und dem Körper geschieht, wenn das eigene Bewusstsein eine kollektive Schuld der Menschen entdeckt.
die spinne tastet Gefühle von Schuld und Scham, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit körperlich ab. Es stossen starke, mächtige Bilder der Natur und subjektiver Wahrnehmung aufeinander. Innere Empfindung und äussere Eindrücke treten in ein faszinierendes Wechselspiel – und die Spinne ist ein immer präsentes Wesen, eine Zuschauerin des Geschehens.

(Literaturverlag Droschl)

Im Netz des Unheils

di Beat Mazenauer
Inserito il 25.11.2024

Wo Spinnen hausen, sagt der Volksmund, da ist gute Luft, trocken und ohne Mief. Ihre ausgelegten Netze wirken unscheinbar, sie sind kunstvoll, filigran gewoben. Und gleichwohl wecken Spinnen auch Unbehagen, alle Kunst und Emsigkeit kommt dagegen nicht an. Auf diese Ambivalenz spielt Eva Maria Leuenberger in ihrem dritten Gedichtband die spinne an.

Ein lyrisches Ich liegt auf dem Bett: «auf dieser matratze / unter weißem tuch, / mit dem rücken» – schaut nach oben und spricht zu sich selbst – oder einem ungewissen Du: «eine spinne webt ihr netz / an der decke über dir». Die unscheinbare Szene erhält leitmotivisch einen Stempel aufgedrückt: «es ist so:», mit einer Bestimmtheit, die bald einen resignierenden Beiklang erhält. Schon der allerersten Zeile «hier ist der anfang» wächst unausgesprochen ein «vom Ende» zu.

Leuenbergers Gedichtband setzt mit einem ambivalenten Bild ein, das die melancholische Ruhe und Kontemplation Zeile um Zeile eintauscht gegen eine nur unklar bestimmte Bedrohlichkeit. Die emsige Spinne verwandelt sich in «eine alte schuld / in der geschichte», ihr «blick sticht das gift / in die haut, den mund / die schenkel», sie wird zum Damoklesschwert über dem lyrischen Du, das zärtlich mit «flügchen» angesprochen wird.

Die Spinne geniesst in der Literatur einen bösen Ruf, durch Gotthelfs Die schwarze Spinne nachhaltig kontaminiert. Die Spinne ruft den menschlichen Frevel auf und bringt das strafende Unheil in die Welt. In Eva Maria Leuenbergers Gedicht wird die gute Luft, die Spinnen verbreiten sollen, durch «feinstaub / am horizont» und «asche, kohle, brennendes öl» vergiftet. Der Band liesse sich so vorschnell dem neuen Genre des Nature Writing oder der Climate litterature zuordnen. Ganz falsch ist dies sicher nicht. Doch die spinne entfaltet behutsam einen eigenen Ton, der zwischen Bestimmtheit und Zärtlichkeit, zwischen Melancholie und Verlustangst schwankt. Unter der Hand entsteht im Blick der giftigen alten Spinne das Bild einer Welt, die verloren scheint, kaputt geht. Ein böser Traum, der zur apokalyptischen Fantasie wird:

flügchen: mach doch. schütt dir doch die zeichen
übers brot. entfern deinen körper aus der zeit;
ctr – alt – delete. mach doch.

ein alter traum: ein letzter mensch
wandert durch die letzten stunden,
allein
oder frei.

Dieser Wunsch behält indes nicht das letzte Wort. «ist das der traum, flügchen?», fragt das lyrische Ich, das unbestimmt bleibt. Wer ist dieses Ich eigentlich? Steckt es selbst im flügellosen «flügchen»? Eva Maria Leuenberger hält sich bedeckt. Ob ein geliebtes Du oder ein besorgtes Ich, bleibt einerlei. Die Sorge, die sich in ihren Versen ausdrückt, wird dadurch nicht angetastet. Ebensowenig das drohende Fallen in einen inneren oder äusseren Abgrund. Die formale Leichtigkeit und die behutsame Bildsprache verleihen diesen Gedichten einen Ton, der in der Schwebe bleibt: finstere Ahnungen antippt, zugleich einen Rest Widerstand bewahrt. Darin überzeugt dieser dritte Gedichtband. Die Mahnung ist poetisch aufgehoben in einem Bild der Schöpfung, die bedroht ist, aus lyrischer Innensicht nimmt sie indes keine Schuldzuweisung vor. die spinne klingt gebändigter und geschlossener als die vorangegangenen zwei Bände decarnation und kyung, in denen Eva Maria Leuenberger ihre persönliche poetische Sprache entwickelte: luftig in der Form, fein im Ton, behutsam in den Bildern, offen in den Anspielungen. Das alles steckt auch in diesem neuen Band, es ist einer innerlichen Befindlichkeit geschuldet, die Zurückhaltung anmahnt.

«und trotzdem. / es ist die zeit, sagt man.» Die Welt auszulöschen – «ctr – alt – delete» – ist keine Lösung. «du stehst auf. / trittst aus der geschichte / in den nächsten raum.» das flügchen verwildert, folgt einem alten Traum in den Wald.

über deinem kopf,
blühen in den kronen der bäume,
blühen bereits die nächsten spinnen,
wortlos,
oder frei.

Das unscheinbare «oder» drückt indes aus, dass der Neuanfang mit Verlusten einhergeht. Und dennoch bewahrt die Anrede ans «flügchen» mit dem letzten Wort «bleib» eine liebende Zärtlichkeit – die den ganzen Band miteinschliesst. Bleib du, bleib ich. Bleiben wir.