Nicht bei Trost. Sondagen
[Z. 42 001 – 48 000]

Seit über 20 Jahren schreibt Franz Dodel an seinem einzigartigen Endlos-Poem Nicht bei Trost, das inzwischen auf über 48 000 Verse mit abwechselnd 5 und 7 Silben angewachsen ist. Täglich arbeitet der Autor an dem sich wie von selbst fortspinnenden Textgewebe, das sich nicht an Ende, Ziel und suspekten Trostangeboten orientiert, sondern an der Offenheit schweifender Reflexion und sinnlich genauer Betrachtung. Durch den ruhigen rhythmischen Wortstrom fügen sich die Fülle von Dodels Bildern und Zitaten, biografische Erinnerungsbruchstücke und Naturbetrachtung zu einer «leichtfüßig mäandrierenden Reflexion über Gott, die Welt und das Ich» (Beat Mazenauer).
Der nun vorliegende achte Teil von »Nicht bei Trost« umfasst die Verse 42 001–48 000 und erscheint in derselben Ausstattung wie die bisherigen Bände: feinstes Dünndruckpapier im geschmeidigen Lederfasereinband.
«Man nimmt dieses wunderschöne Buch gerne in die Hand und lässt sich von den Versen fesseln und mitziehen. Nicht bei Trost ist ein Sich-Treiben, das in den Bann zieht. Man wird – wo auch immer man einsteigt – sanft umgarnt von den Silbenbanden und kann nach einiger Zeit nicht umhin, selbst ins 5-7-5-7 Denk-, Kontemplations- und Dichtschema zu fallen. Ein sanfter Fall, der ungeahnte Türen öffnet.» (Markus Köhle, Schweizer Monatshefte)

(Edition Korrespondenzen)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 30.11.2024

Über den Weltuntergang schweigt sich Franz Dodel wohlweislich aus. Als Abkehr von der Welt ist dies dennoch nicht zu werten. In seinem endlos-Haiku Nicht bei Trost, das mit dem Band 8 Sondagen die Verse 42'000 bis 48'000 vorlegt, trotzt Dodel der Welt mit einer radikalen Konzentration auf unmittelbar nahe Erfahrungen.

dieser Text schreitet voran
ohne dass sich ein
Fortschritt erkennen liesse

Sein Gedicht bezeichnet er als «Itinerar» unbeleuchteter Strassen, als «Verzeichnis ohne Geländer», in dem der Zweifel, die Sorge, die Skepsis stets mitschwingen. Sie sind Garanten einer Weltanschauung, die sich nicht aufs Rechthaben versteht, sondern auf die Demut und den Respekt vor der Natur, der Kultur, den anvertrauten Mitmenschen.

Dodel schreibt im ruhigen Rhythmus von 5-7-5-7 Silben von persönlichen Lektüren, musikalischen Erlebnissen, Beobachtungen in der Natur und intimen Empfindungen. Das ist wie seit den ersten Versen vor über zwanzig Jahren schön und tröstlich zu lesen und es steht nie in Verdacht, dass sich hier ein Dichter abschottet und selbst genügt. Die Verse atmen immer eine Zugewandtheit zur Welt, auch wenn das lyrische Ich zuerst vor die eigenen Füsse schaut, bevor es den Horizont nach den gegenwärtigen Katastrophen absucht. Doch immer wieder signalisiert es, dass es um diese Katastrophen weiss und gewillt ist, sich ihnen zu stellen. Diskret fragt es sich beispielsweise: Woher rührt «die lächerliche / Verzweiflung jedes Mal / wenn ein Reissverschluss klemmt«, und anderswo «weinende Kinder an / Grenzzäunen stehen». Das Ich begreift es nicht, akzeptiert dies auch, denn «etwas bleibt / stets unverständlich». Die Ruhe und Gelassenheit sind somit weder mit Sorglosigkeit noch mit Fatalität zu verwechseln, sie suchen den Schatten, der, wie es in Dantes Divina Commedia heisst, bezeugt, dass er noch unter den Lebenden weile, oder, mit eigenen Worten, der Schatten, der sich «festhält an mir solange / es das Licht erlaubt». In dem Sinn pflegen Franz Dodels präzise Beobachtungen und inspirierende Bemerkungen in aller Ruhe die Unruhe, dass diese sich auf die Leser:innen überträgt. Und weil er weder Punkt noch Komma setzt, lässt sein endlos-Haiku stets die Freiheit, in die Lektüre ein- oder aus ihr auszusteigen.

Aus: «Mit der Zeit, gegen die Zeit. Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos.» Ein Fokus von Beat Mazenauer, 20.01.2025.