Gleich nach dem Gotthard kommt der Mailänder Dom

Nota critica

Die Erinnerung und die Einbildungskraft vermögen Menschen, Dinge und Orte, die kilometerweit auseinander liegen, zu einem einzigen Bild zu fügen und zu einer Gesamterscheinung zu verschmelzen. Gertrud Leutenegger versteht sich meisterhaft auf solche Assoziationen und Synthesen. Im Text, der dem ganzen Bändchen seinen Titel gibt, evoziert sie die belebte Strasse, die ihre Kindheit durchquert hat, die Gotthardstrasse. In einem Fotoband des Vaters hat das Mädchen Bilder vom Bau des Gotthardtunnels und vom Mailänder Dom gefunden und verstanden, wohin die Strasse führt: zum Dom am Ende des Tunnels, auf dessen Zinnen die Statuetten der Tunnelarbeiter stehen. Das ebenso märchenhafte wie realistische Bild zeigt beispielhaft, was den Reiz der Texte Gertrud Leuteneggers ausmacht. Auf den Ausgangpunkt ihres Schreibens verweist sie im kürzesten Text des Bändchens. In der Intimität einer Badekabine mischen sich Wasser, Urin und geschmolzenes Speiseeis, in sie dringen das Summen der Bremsen, Schreie und Alarmsirenen. Die Texte machen Lust, die Romane dieser Autorin wieder zu lesen und lassen ihren nächsten mit Ungeduld erwarten. (Daniel Rothenbühler)