Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola
Roman

Nota critica

In seinem ersten Roman, Luchs (2004), hat Urs Mannhart an die Tradition des realistischen, gut dokumentierten Romans des 19. und 20. Jahrhunderts angeknüpft. Dieser zweite Roman ist eine Hommage an den Nouveau Roman und besonders an La Modification (dt. Die Modifikation) von Michel Butor, der vor heute fünfzig Jahren erschienen ist. Alles scheint sich bei Mannhart wiederzufinden: die Erzählung in der zweiten Person, die wiederholten Reisen der Hauptperson zu seiner Geliebten in Italien. Und doch ist alles anders: bei Mannhart sind die beiden Geliebten weit von einem gut bürgerlichen Leben entfernt, sie sind beide, auf ihre Weise, Randexistenzen, und die Reise der Hauptperson endet wegen eines Streiks der italienischen Eisenbahner schon in Domodossola. Dass gibt der Hauptperson Gelegenheit, ihrer Neigung nachzugehen, alles «in eine Anekdote hineinzukneten», was ihr «über den Weg und über die Netzhaut läuft». Er überlässt sich ganz der Atmosphäre dieses verlorenen Bahnhofs, spekuliert über die geomagnetischen Felder der Alpensüdseite und lässt in seinen Erinnerungen und Träumen immer detailreicher die Begegnungen mit seiner römischen Geliebten hochkommen. Die Modifikation seiner Reise und seiner Pläne erschöpft sich nicht im längren Halt in Domodossola, sie mündet in seinen Tod. Im Kopf der Lesenden überlebt die sinnliche Intensität der Sprache des Erzählers. (Daniel Rothenbühler)