Zeus oder Der Zwillingston

Der Sturz der Götter

di Beat Mazenauer
Inserito il 21.09.2012

Mariella Mehrs Texte sind zornig, direkt und anstössig. Nicht aus reiner Lust an der Provokation, vielmehr schreibt diese Autorin mit dem Blut der eigenen Erfahrungen. Damit hat sie sich in den letzten Jahren zur Sprecherin all jener «Kinder der Landstrasse» gemacht, die wie sie selbst einst die Kultur zwangsweise eingebleut erhielten damit sie wertvolle Menschen würden.

Ihre sprachliche Radikalität wird im skurrilen närrischen Roman Zeus oder Der Zwillingston um neue Klänge bereichert. Zorn und Bitterkeit finden sich hier in die stachelige Holzwolle von sarkastischem Witz und sardonischem Gelächter verpackt.

Seine antike Eminenz, Zeus persönlich, geruht abzudanken. Um die lästig gewordene Unsterblichkeit loszuwerden, steigt er ein letztes Mal zur Erde herab. Für sein Ende hat er sich das Reich der beiden Seelen-Doktores Bonifazius Wasserfallen und Gottlob Abderhalden, die Klinik Narrenwald, auserkoren. Bevor jenes ihn da allerdings ereilt, sät er zuerst lärmige Unruhe; vor allem die Kindsmörderin Rosa Zwiebelbuch fällt in vibrierende Unrast.

Auch Wasserfallen und Abderhalden geraten seinetwegen ins Zaudern. Sie, tüchtige Koryphäen im Fach Seelen-Genesung, stellen die Ordnung aber ohne viel Federlesens und kraft reicher Erfahrungen wieder her. Diese hat sie gelehrt, «dass die exakte Unterscheidung alles Lebenden in minderwertiges und hochwertiges Material eine ebenso exakte Analyse begünstige, ja erst ermögliche». So wühlen sie munter im Nähkästchen muffiger Rassetheorien, um sie sich die Welt nach eigenem Gusto zusammenzuflicken. Vor allem Wasserfallen mag ein Zyniker und Schwätzer sein, die Narrenwälder Patienten bleiben ihm zuletzt doch ausgeliefert. Treffend beschreibt ihn Mehr als gehbehinderten Popanz: «Und wie der aufrechte Gang nicht recht gelingen wollte, gelang nie das väterliche Lächeln, rutschte den farblosen Lippen entlang, zog sich zurück und verschwand, um beim nächsten Versuch erneut hervorgeholt zu werden.»

Mit träfem Witz und bitterem Sarkasmus erzählt der Roman Geschichten, die in dem Reich der irrenden Aussenseiter blühen, von denen sich Gott abgewendet hat und denen auch Zeus nicht helfen will.

Für die Autorin ist Narrenwald offensichtlich ein Spiegel eigener schmerzlicher Erfahrungen. Auch die beiden Doktores scheinen ebensowenig bloss der Phantasie entsprungen wie die Figur des Zeus, wie eine Nachbemerkung andeutet. Mehrfach dringt deshalb eine persönliche Betroffenheit durch, deren forsches Verlangen dem Text Glaubwürdigkeit verleiht. Und spätestens da, wo die Autorin die schwärende Unruhe im Ort Flur beschreibt und den Brand eines Flüchtlingsheims erwähnt, wird deutlich, wie ernsthaft und brennend aktuell Mehrs Geschichten ungeachtet der bitteren Komik gemeint sind.

Zuletzt verquicken sich Mythos und Wirklichkeit vollends. Am Patienten Zweierlei alias Zeus vollzieht sich die magische Prophezeiung, als ihn Rosa Zwiebelbuch alias Thetis mit einem herzhaften Kehlenbiss niederstreckt. Derweil die Olympier abtreten, obsiegen die Götter in Weiss. Doch ihr Triumph bleibt schal, ein narrender Selbstbetrug.
So gerät Zeus oder der Zwillingston zur skurrilen Tragödie von antiker Konsequenz und elementarer Gefühlsgewalt, von Mariella Mehr mit bärbeissigem Gelächter inszeniert.