An verschwundenen Orten

Bessa Myftiu
traduzione di: Katja Meintel

Mein Geliebter hat funkelnde, schwarze Augen. Er ist der einzige Sohn, vernünftig, diszipliniert. Er ist auch im Viertel der einzige Junge. Es gibt zu viele Mädchen in unserer Straße, und sie sind alle sehr schön. Aber sie kommen nicht zu Rakie. Wenn sie Lust haben, mit Beni zu spielen, rufen sie ihn. Ich nicht. Ich bin stolz. Ich warte weiter im Schatten des Orangenbaums, sogar, nachdem ich bis dreihundertzweiundzwanzig gezählt habe, immer noch falsch, laut meiner Schwester.
Bei dreihundertdreiundzwanzig kommt er und füllt am Brunnen eine Karaffe mit Wasser. Ich tue so, als würde ich mir die Schnürsenkel binden, er, als würde er mich nicht bemerken. Er füllt seine Karaffe und fängt an, sich mehrmals die Hände zu waschen. Dann streicht er um den Orangenbaum herum; ich dagegen drehe ihm beharrlich den Rücken zu. Schließlich ruft man ihn von drinnen.
«Beni, wo bleibt das Wasser?»
Er nimmt das Gefäß und rennt weg. Ich binde meine Schnürsenkel fertig und gehe wieder nach Hause. Vielleicht würde ich am Nachmittag mehr Glück haben, wenn die Mädchen Lust bekommen, mit Beni Doktor zu spielen …
Das Spiel wird ausschließlich bei mir daheim gespielt, im Hof hinter dem haus. Vor den Blicken der Erwachsenen geschützt, widmen wir uns einem Zeitvertreib, dessen Warum und Wozu wir vage begreifen. Der Beweis: Wir verstecken uns. Wir alle wissen, dass wir etwas Schlechtes tun. Ich aber weiß es besser als die anderen. Ich will nicht, dass Beni meinen Po sieht. Und er will ihn auch nicht sehen: Deshalb gibt er mir die Rolle der Krankenschwester. Ich fühle mich einzigartig, privilegiert, die Auserwählte. Ich bereite die Medikamente vor, während ein Mädchen nach dem anderen das Höschen herunterlässt und dem Arzt seinen Hintern entgegenstreckt. Trotz seines Eifers muss er ein sehr schlechter Arzt sein, denn nie werden sie gesund! Jeden Tag verabreicht er den Kranken Spritzen, ohne dass sich ihr Zustand bessern würde. Er untersucht sie und weist mich jedes Mal an, ihm die Spritze zu reichen, die er dann in ihre weißen Pos hineindrückt. Sie schreien vor Schmerz auf, aber natürlich leise, und manchmal hört sich ihr Schrei an wie ein wonniges Seufzen: Glücklicherweise hat die Spritze keine Nadel mehr. Ich tue jedes Mal so, als würde ich eine neue aufsetzen und das gebrauchte Fläschchen wegwerfen. Der Arzt lobt mich. Die Mädchen wollen wissen, wann ich mich denn in den Po stechen lasse, aber Beni antwortet, dass Krankenschwestern nie krank werden. Und um sich vor weiteren Forderungen zu schützen, behauptet er, dass gute Ärzte nie ihre Krankenschwester wechseln.

(Bessa Myftiu, An verschwundenen Orten, Übersetzung Katha Meintel)