Die Briefe der Puppe

Nota critica

Auch 2011 führt Amann seine langjährige literarische Recherche im Grenzgebiet zwischen Fakten und Fiktion fort. Der brisante Monolog Der Kommandant führt in den Kopf eines Nazi-Kommandanten: Aus den dreihundert eng beschriebenen Seiten mit Aufzeichnungen von Rudolf Höss hat Amann ein – wie er es nennt – «Monodrama in 16 Stationen» erstellt. Es ist ein dokumentarischer Text, ein «Originalton-Monolog», bei dem ausser dem Autorname kein Wort hinzugefügt wurde.
Die Beschäftigung mit Kafka bildet eine Leitlinie in Amanns Schaffen. Zu ihm hat er bereits 1974 promoviert, um ihn sich «vom Leib zu schreiben, ohne den gewünschten Erfolg». In Die Briefe der Puppe schlüpft er nun gar in die Rolle Kafkas. Denn dieser, so hat die Gefährtin Dora Diamant überliefert, schrieb in seinem letzten Lebensjahr Reisebriefe einer Puppe. Er wollte damit ein kleines Mädchen trösten, das seine Puppe verloren hatte. Amann gibt vor, die verlorenen Briefe aufgestöbert zu haben, und lässt sie uns nun entdecken.
Beide Werke zeigen eindrücklich, wie Realität sich im künstlerischen Arbeitsprozess verändert und ein literarisches Eigenleben gewinnt. (Christa Baumberger)