Koala
Roman

Ein ganz gewöhnlicher Mensch, sein ganz gewöhnliches Leben und sein ganz gewöhnliches Ende. Aber nichts an dieser Geschichte in Lukas Bärfuss' neuem Roman will uns gewöhnlich scheinen. Denn das erzählte Ende ist ein Suizid, und der ihn verübt hat, ist sein Bruder. Auch wenn die Statistik sagt, dass für die Menschen zwischen zwanzig und vierzig Jahren Suizid die zweithäufigste Todesursache überhaupt ist, hilft das niemandem in seinem individuellen Schicksal. Die Fragen, die sich unweigerlich stellen, finden nicht zu Antworten, die denen, die zurückbleiben, wirklich Trost spenden.
Bärfuss spürt dem Schicksal des Bruders nach, über das er zunächst wenig weiß. Und er begegnet einem großen Schweigen. Das Thema scheint von einem großen Tabu umstellt. Und von einem Geheimnis. Warum nannten seine Freunde ihn Koala? Wie kam er zu diesem Namen? Und hat vielleicht der Name gar das Schicksal des Bruders mitbestimmt; wird ein Mensch seinem Namen ähnlich? Die Geschichte der Tierart in Australien, die heute vor der Ausrottung steht, gerät in den Blick des Autors, und so ist das Buch auch eine Natur-Geschichte über den Umgang des Menschen mit dem anderen Menschen, mit dem Tier, mit Gewalt überhaupt.

(Buchpräsentation Wallstein Verlag)

Rassegna stampa

Martin Ebel stellt die beiden Teile des Romans vor: den autobiografischen Anfang, der den Selbstmord des Bruders und Bärfuss' Reaktion darauf schildert, und die Geschichte der englischen Strafkolonie in Ausstralien, die den Koala ausgerottet hätte, wenn sie nicht selbst einer Epidemie zum Opfer gefallen wäre. «Koala» war der Name des Selbstmörders bei den Pfadfindern - daher der historische Exkurs, der dem harmlosen, «faulen» Tier den Aktionismus der Menschen entgegensetzt. «Das Dilemma ist nicht aufzulösen, weder philosophisch noch erzählerisch. Weshalb daraus auch kein sich schön rundendes Kunstwerk entstehen kann, sondern ein in sich kreisendes, um sich schlagendes Stück dramatischer, heterogener Prosa. Ja, die zerstörenden Seiten des menschlichen Aktivismus sind unübersehbar, ihr Gegenteil, die Passivität des blossen Existierens, ein Sehnsuchtsbild (auch Gottfried Benn hatte gereimt: «O dass wir unsre Ururahnen wären / ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor»). Aber es geht nicht. Auch das Resultat von Lukas Bärfuss’ Ringen mit dem Nichts ist wieder ein Etwas, Ergebnis von Fleiss und Können: ein Buch.» (Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 05.03.2014)

Roman Bucheli wird mit dem Roman nicht glücklich: Er räumt ein, dass einzelne Passagen «grandios gestaltet» sind, so der Teil über Australien und die letzten Seiten des Romans, bemängelt aber den ersten Teil, dem er sprachliche Ungeschicktlichkeiten vorwirft. «So hinterlässt das Buch einen durchaus zwiespältigen Eindruck. Es überzeugt mit der Rigorosität einer Selbstbefragung, es fasziniert mit dem langen erzählerischen Umweg, aber es lässt dem Leser keine Freiräume und schon gar keine eigenen Gedankengänge. Auch die kulturpessimistischen und zivilisationskritischen Weiterungen werden recht plakativ herausgehoben, und deren Deutung wird frei Haus mitgeliefert. Die vielen sprachlichen Nachlässigkeiten (etwa «jene Bewegung, die sich dem Tode zubewegt») ärgern dann umso mehr, als sie mit Leichtigkeit zu beheben gewesen wären.» (Roman Bucheli, NZZ, 06.03.2014)