Europa. Tektonik des Kapitals
Gedichte

Nach einem starren Winter

legt sich jetzt dein Blick wieder

über die bewegte Landschaft.
Was im Sommer stumpf sein wird,

Stunden ohne Sinn, ist jetzt

ein frühes Versprechen.
flaches Licht fällt darauf.

Du sitzt am Fenster, gebannt

von dieser Freiheit draußen.
Kein Ernst, es ist noch nicht die

grosse Tour, es ist der Frühling,

wenn auch erst in Nizza.
(Martin Bieri)

Nota critica

Der Titel signalisiert: diese Gedichte sind weit gereist. Sie besuchen die Welt, lassen den Reisenden indes nie ausser Acht. In 66 Etappen führt der poetische Weg kreuz und quer durch einen Kontinent mit Naturwundern und viel Geschichte; einen Kontinent, der opulente Speisen anbietet und dessen ökonomische Tektonik brüchig geworden ist. Das lyrische Ich reflektiert und wundert sich, es zeigt sich skeptisch und verliert doch nie die Zuversicht. Martin Bieri geht vom Fernsten aus, um zuhause anzukommen: ein Sturz nach innen und zugleich nach draussen. Von Murmansk bis Bern sind es 2850 km, jedes der Gedichte zeigt die abnehmende Distanz an. (Beat Mazenauer)